RENTENGLÜCK – Krank. Ausgerechnet jetzt?

Das kann doch nicht wahr sein! Nun beginnt mein Rentenglück – und als erstes bin ich krank. Habe mir einen fetten grippalen Infekt eingefangen. Hals- und Kopfschmerzen, Triefnase, erhöhte Temperatur, Kreislaufprobleme, Müdigkeit. Das volle Mir-geht-es-mies-Programm. Vermutlich auf dem Weihnachtsmarkt in Aachen am ersten Advent. Da war es zwischen den Printen- und Punschständen ziemlich nieselig-nasskalt. Aber letztendlich ist es ja egal, wo die Viren mich erwischt haben. Fakt ist, sie haben es geschafft, meine Abwehrkräfte auszutricksen und mich ins Bett zu verbannen. Und das, obwohl ich doch gleich zum Start in mein Rentenglück loslegen wollte – mit Sport und anderen netten Aktivitäten. Ganz schön unfair. Warum gerade jetzt?

Während ich in den letzten Tagen so vor mich hindöste, dämmerte es mir. Mich hat die Renten-Krankheit erwischt. „Retirement Sickness“. Nicht aus Frust darüber, dass das Arbeitsleben nun endgültig hinter mir liegt. Nein, als Reaktion meines Körpers darauf, dass er endlich wieder mehr auf seine Bedürfnisse achten darf. Als Signal für mich, dass tatsächlich eine neue Lebensphase angebrochen ist.

Mediziner kennen ein ähnliches Phänomen schon länger. „Leisure Sickness“, Freizeit-Krankheit, nennen sie das, wenn jemand just am Wochenende oder zu Beginn des lang ersehnten Urlaubs krank wird. Migräneanfälle, die immer am Samstagvormittag beginnen, sind typisch dafür. Oder Rückenschmerzen sonntags auf der Gartenliege. Auch Erkältungen und Magenverstimmungen, die man sich angeblich im Flieger in den Süden aufgesammelt hat, verderben häufig freie Tage.

Doch schuld daran ist weder ein ungewohnt üppiges Frühstück noch die Luft über den Wolken. Experten vermuten dahinter eine Spätreaktion auf Dauerstress. Denn wer in Job und Alltag unter ständigem Druck steht und sich kaum Ruhepausen gönnt, lebt mit einer enormen Flut an Stresshormonen im Körper, die ihn zu Höchstleistungen antreiben und ständig alle Reserven aus ihm herauspressen. Auch die Abwehrkräfte werden in diesem „Kampfmodus“ hochgepeitscht. Kein Wunder, dass sie sofort locker lassen, wenn etwas Ruhe einkehrt, um sich zu erholen und zu regenerieren. Und kein Wunder, dass dann Viren und Bakterien leichteres Spiel haben und sich Signale unseres Körpers, die immer wieder ignoriert worden sind, endlich Gehör verschaffen können.

Und was sagt mir das jetzt? Ganz klar: Auch ich habe nicht nur in den letzten Wochen und Monaten, sondern vermutlich über Jahre hinweg im Berufsalltag mit mehr Dauerstress gelebt, als meinem Körper gut tat. Stress, der sich wohl auch an Wochenenden, in Urlauben und auf noch so tollen Reisen nie gänzlich abgebaut hat. Und der nimmt jetzt erstmals seit langer Zeit ab.

Statt über meine Schnupfennase zu jammern, sollte ich also glücklich sein: Denn schließlich haben mir meine Abwehrkräfte gezeigt, dass sie, obwohl ich sie arg strapaziert habe, durchaus noch zu einer gesunden Reaktion fähig sind. Darüber freue ich mich. Und verspreche ihnen, jetzt nicht gleich so viele neue Aktivitäten zu beginnen, dass der Arbeitsstress durch Renten-Freizeitstress abgelöst wird. Stattdessen werde ich mir und meinem Körper eine Extraportion Gutes tun und meinem Immunsystem die offenbar gerade nötige Erholungspause gönnen, damit es die noch vorhandenen Stresshormone auf ein gesundes Level abbauen kann. Und ich schwöre ihm, es ab jetzt tatsächlich mehr zu pflegen und besser bereits auf erste Anzeichen seiner Überlastung zu achten, die Notbremse zu ziehen, wenn mir etwas zu viel wird. Damit wir beide noch einige nette Jahre zusammen verbringen können. Denn: Jünger werden wir beide schließlich nicht.

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