Bewegungsglück: Auftanken im Wald

Es ist die helle Freude. Überall frische Triebe und zart grüne Blattspitzen. Die Welt erneuert sich. Und an kaum einem anderen Ort können wir dies jetzt im Frühling so gut bestaunen und genießen wie im Wald. Hier können wir auftanken, hier können wir tief durchatmen, frische Energie sammeln und endgültig die letzten Reste von Wintersteifheit aus den Gliedern schütteln. Das ist Bewegungsglück pur. Körper- und Seelenglück in perfekter Kombi. Also raus in die Natur! Waldspaziergänge entspannen, halten uns gesund und jung.

Warum tut uns der Wald so gut?

Nur keine Berührungsängste! Keine Scheu vor grünem Dickicht und feuchtem Boden. Auch wer kein fanatischer Outdoor-Liebhaber ist oder das Umarmen von Bäumen bisher als Esoterik-Quatsch abgetan hat, wird schnell merken: Wald tut uns gut. Doch warum ist das so?

Die Japaner wissen es schon lange: Spaziergänge im Wald bauen Stress ab und entfalten so eine heilsame Wirkung. Shinrin Yoku, „in der Atmosphäre des Waldes baden“, „Waldbaden“ gilt deshalb in dem zum großen Teil von Bergwäldern bedeckten Inselstaat inzwischen als anerkannte Methode zur Regeneration und Vorbeugung von stressbedingten Krankheiten. „Waldmedizin“ ist dort bereits ein Fachbereich an Universitäten. In den letzten Jahren haben zahlreiche Studien die Heilkraft des Waldes nachgewiesen. Biophilia-Effekt nennen Experten wie der österreichische Biologe Clemens G. Arvay das. Die Wissenschaftler fanden dabei erstaunliche Ergebnisse:

• Wald baut Stress ab. Und Frauen profitieren davon stärker als Männer. Schon nach einem Tag im Wald sinken die Spiegel der Stresshormone Adrenalin und Cortisol bei ihnen um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Stadt-Wert. Das konnten japanische Forscher nachweisen. Nach zwei Waldtagen war das Adrenalin auf ein Viertel seines ursprünglichen Wertes zurückgegangen. Damit wirkt der Wald bei Frauen doppelt so stark wie bei Männern. Und wer weniger gestresst ist, schläft auch besser.

• Wald senkt hohen Blutdruck. Ein Spaziergang zwischen Bäumen verlangsamt den Pulsschlag und vertieft die Atmung. Der Blutdruck reguliert sich, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird so vorgebeugt. Und Atemwegserkrankungen werden gelindert.

• Wald stärkt das Immunsystem. Auf Bäumen, Pflanzen, Boden tummeln sich unzählige Mikroorganismen, mit denen sich unsere Abwehrkräfte auseinandersetzen müssen. So haben wir nach einem ausgedehnten Marsch durchs Grün 40 bis 50 Prozent mehr Killerzellen im Blut, die Krankheitserreger vernichten können. Es gibt mehr von den drei wichtigsten Anti-Krebs-Proteinen, und der Körper bildet Schutzsubstanzen fürs Herz.

• Wald hält uns jung. Wird das Immunsystem aktiviert, wirkt das auch Alterungsprozessen entgegen. Außerdem wird vor allem in lichten Baumbeständen der Parasympathikus angeregt. Dieser Nerv der Ruhe gleicht aus, harmonisiert und verhindert so vorzeitiges Altern von Zellen.

Was passiert mit uns im Wald?

Schnuppern Sie mal! Ein Wald hat seinen ganz besonderen Geruch. Die Blätter von Buchen und Eichen, das Harz von Nadelbäumen, der humusreiche Waldboden, verrottendes Totholz, Farne, Gräser und Wildkräuter – das alles entfaltet einen typischen Duft, der sich je nach Jahreszeit und Wetterlage verändert. Riechen Sie es? Das riecht ganz anders als in der Stadt oder in einem Park. Staub und Schadstoffe sind von den Bäumen fast komplett aus der Luft herausgefiltert, stattdessen produzieren die grünen Freunde per Fotosynthese reichlich Sauerstoff.

Der besondere heilsame Effekt des Waldes beruht jedoch auf seinem Kommunikationssystem. Denn alle Bäume und Pflanzen in diesem Ökosystem stehen über chemische Substanzen miteinander in ständiger Verbindung. Über diese Terpene „plaudern“ sie miteinander. Atmen wir diese duftenden Botschaften ein, setzen die ätherischen Öle heilsame Prozesse in unserem Körper in Gang. Das Ostseebad Heringsdorf in Mecklenburg-Vorpommern bietet seinen Gästen deshalb bereits einen speziellen Kur- und Heilwald (http://www.kur-und-heilwald.de).

Wie oft sollten wir in den Wald gehen?

So oft wie möglich. Klar. Doch nicht jeder hat einen Wald vor der Haustür. Optimal ist es, zwei Tage hintereinander einen Ausflug ins Grüne zu machen. Dann potenzieren sich die heilsamen Effekte. Erstaunlich ist aber auch, dass diese Effekte nicht gleich wieder verpuffen, wenn wir wieder in Steinwüsten unterwegs sind. Der Wald verleiht uns sozusagen einen Schutzschild gegen unnatürliche Lebensbedingungen. Für eine gewisse Zeit zumindest. Die japanischen Waldmediziner raten, mindestens zwei- bis dreimal im Monat einen ausgedehnten Waldspaziergang zu machen.

Und was machen wir in der Zwischenzeit? Vielleicht gibt es einen Park mit Bäumen in der Nähe oder einen Garten. Vielleicht säumen Bäume die Straße, in der Sie wohnen. Vielleicht haben Sie auf dem Balkon Platz für ein Bäumchen im Kübel. Alles, was Sie an Natur in Ihren Alltag holen, tut gut. Schon allein einen Baum anzuschauen, kann die Stimmung heben und das Risiko für Zivilisationskrankheiten senken, wie Studien gezeigt haben. So schön modern-steriler Betonschick ist, ohne Bäume leiden Körper und Seele. Deshalb sollten wir selbst gezielt für Begrünung sorgen. Und wann immer es möglich ist, uns grüne Waldauszeiten nehmen.

Waldbaden – Schritt für Schritt

Am besten nehmen Sie sich Zeit. Durch den Wald zu joggen, ist nicht schlecht. Entspannter ist es jedoch, achtsam und in Ruhe zu gehen. Schalten Sie Ihr Handy aus und suchen Sie sich anfangs einen richtigen Waldweg, zwischen den Bäumen hindurch können Sie später gehen, wenn Sie bereits etwas Übung haben. Setzen Sie einen Fuß vor den anderen und atmen Sie dabei ganz bewusst tief ein und aus. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Ihrer Schritte, spüren Sie den weichen Waldboden unter Ihren Füßen, bemerken Sie Unebenheiten und Wurzeln im Boden, nehmen Sie wahr, was am Wegesrand wächst. Riechen Sie den unverkennbaren Duft des Waldes, spüren Sie den Luftzug in Ihrer Nase, füllen Sie Ihre Lungen ganz und atmen Sie komplett durch den Mund wieder aus. Mit jedem Schritt wird Ihre Atmung tiefer und ruhiger. Sie müssen keine kilometerlange Strecke ablaufen, sondern sollten Ihren eigenen Rhythmus im Gehen finden. Lassen Sie sich ein auf den Wald und seine Botschaften und seien Sie ganz präsent im Hier und Jetzt. Die Arbeit, das Abendessen und sogar der nächste Urlaub sind jetzt kein Thema. In diesen Augenblicken geht es nur um den nächsten Schritt und die wohltuende Atmosphäre des Waldes. Genießen Sie diese Gehmeditation mit jedem Schritt und jedem Atemzug. Zum Schluss atmen Sie noch ein paar Mal tief ein und aus und bewegen sich dann etwas zügiger.

Suchen wir uns einen Baum als Freund

Vielleicht haben Sie jetzt sogar Lust bekommen, sich einen speziellen Baumfreund zu suchen. Am besten natürlich dort, wo Sie häufiger im Wald spazierengehen. Oder einen Baum in der Nähe Ihrer Wohnung, den Sie problemlos jederzeit besuchen könnten. Vielleicht ist Ihnen genau dieser Baum schon häufiger aufgefallen oder er zieht Sie spontan an. Lassen Sie Ihre Intuition entscheiden. Doch wenn Sie sicher sind, dass „er“ es ist, schauen Sie ihn sich in aller Ruhe rundherum genau an. Wie dick ist sein Stamm? Ist er glatt oder rauh? Ist die Borke rissig? Welche Farbe hat sie? Wie sind die Nuancen? Wie ist der Baum gewachsen – gerade, krumm, mit vielen Ästen? Wie sind seine Blätter? Seine Wurzeln? Es gibt viel zu betrachten und zu beobachten. Allmählich nähern Sie sich „Ihrem“ Baum. Und ganz vorsichtig berühren Sie ihn, schnuppern an ihm. Wie fühlt er sich an? Wie riecht er? Welche Gefühle löst er bei Ihnen aus? Fühlen Sie sich bei Ihm geborgen, beschützt, genährt? Irgendwann verabschieden Sie sich von ihm. Doch wenn Sie das nächste Mal wiederkommen, wird er ihnen schon bekannt vorkommen, und Sie können ihn intensiver entdecken und kennenlernen. So können Sie mit der Zeit eine Beziehung zu diesem Baum aufbauen. Und wenn es Ihnen nicht gut gehen sollte, wird er Sie garantiert stärken und Ihnen helfen.

Zum Weiterlesen:


„Das kleine Buch vom Waldbaden: In Balance durch die Kraft der Natur“ von Bettina Lemke, 160 S., 12 Euro, Scorpio Verlag 2018


„Waldbaden. Das Praxisbuch. Entspannung lernen – Achtsamkeit üben“ von Esther Winter, 160 S., Christian Verlag

Murphy Witt

Bildrechte: Monika Murphy-Witt

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