Frischer Wind für alte Liebe

Wer mit 50+ in einer stabilen Beziehung lebt, kann sich glücklich schätzen. Doch häufig klagen Paare, die schon länger zusammen sind, darüber, dass es zwischen ihnen nicht mehr so prickelt wie früher. Warum ist das so? Und was hilft gegen die Flaute im Bett? LUCKY AGING hat darüber mit der bekannten Hamburger Psychologin, Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning   gesprochen. Ihr ist es ein Herzensanliegen, durch ihre Fernsehsendungen, Aufklärungsbücher und Therapieangebote auch alte Liebe wieder neu zu entfachen.

LUCKY AGING: Frau Henning, was sind Ihrer Erfahrung nach die Hauptgründe, warum der Sex gerade in langjährigen Partnerschaften oft irgendwann fade wird, keinen Spaß mehr macht oder sogar ganz einschläft?

ANN-MARLENE HENNING: Dass Beziehungen sexuell einschlafen, hängt vom Faktor Zeit ab. Das Gehirn langweilt sich irgendwann. Dagegen kann man aber etwas tun. Doch daran hindern uns heute meist unsere Lebensbedingungen. Stress und Überforderung im Alltag haben zugenommen. Viele 50- und auch 60-Jährige arbeiten um einiges änger als früher, stehen noch mitten im Beruf, haben gerade Teenager im Haus, weil sie spät ihren Nachwuchs bekommen haben, beschäftigen sich daneben mit diversen Hobbys, müssen sich beweisen und studieren zum Beispiel noch mal. Immer mehr, immer weiter, immer besser heißt die Devise. Das sind aus meiner Sicht alles Dinge, die in ihrer Gesamtheit den Sex stoppen. Denn wie soll man Lust auf Sex haben, wenn man ständig Stress hat und eigentlich im Flucht- und Angriffs-Modus steckt? Solche Paare müssten erst einmal etwas in ihrem Leben streichen, um entspannter sein und ihrer Beziehung wieder mehr Aufmerksamkeit schenken zu können. Die meisten tun dies aber nicht.

LUCKY AGING: Aber würde sich unser Gehirn dann nicht trotzdem mit einem Partner, einer Partnerin langweilen, mit der wir seit Jahrzehnten das Bett teilen?

ANN-MARLENE HENNING: Vermutlich. Wir sind nach einiger Zeit einfach nicht mehr so heiß aufeinander. Es wird nicht wieder so perfekt, wie es damals am Anfang einmal war. Das müssen wir uns klar machen und auch akzeptieren. Es kann aber anders werden. Und das muss nicht gleich schlechter sein. Darüber können und sollten wir nachdenken.

LUCKY AGING: Fangen wir mal damit an, dass in dieser Altersgruppe häufig schon körperliche Probleme das Liebesleben beeinträchtigen können. Frauen haben zum Beispiel durch die hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren eine trockene Scheide, Männer vielleicht Erektionsstörungen. Klar, dass dann der Sex nicht mehr so klappt wie mit 20.

ANN-MARLENE HENNING: Richtig. Körperliche Probleme können den Sex erschweren. Aber oft lässt sich etwas dagegen tun. Übrigens ist eine erregte Frau nicht trocken, auch im Alter nicht. Um auf Nummer sicher zu gehen: Gleit- oder Hormongel helfen gegen Trockenheit! Auch bei Potenzproblemen gibt es Hilfe. Sehr wichtig ist jedoch, dass viele Paare noch Potenzial haben, ihre körperlichen Möglichkeiten aber nicht nutzen. Sie wissen generell zu wenig über ihren Körper, ihren Beckenboden, darüber, wie sie sich beim Sex bewegen oder atmen können, um ihre Erregung zu steigern, tun aus Versehen auch öfter Dinge tun können, die die Erregung dämpfen. Viele bewegen sich kaum oder machen sich ständig Sorgen über ihr Aussehen. Aber Sorge bedeutet aber schnell Anspannung, und die ist nicht so gut für Sex wie Bewegung. Wenn man sich selbst besser kennenlernt, kann man schon viel für besseren Sex tun. Das ist spannend!

LUCKY AGING: Apropos Aussehen. Das Leben hinterlässt ja nun mal Spuren. Ist es nicht normal, dass jemand damit hadert und deshalb Probleme hat, sich nackt zu zeigen?

ANN-MARLENE HENNING: Wer sich selbst nicht mehr so attraktiv und wohl in seiner Haut fühlt, denkt, dass er auch in den Augen des anderen nicht mehr so attraktiv ist. Aber auch der andere ist älter geworden. Ich empfehle Paaren, genau hinzuschauen – und neue Dinge am anderen zu entdecken. Vielleicht ist man verliebt in die kleinen Fältchen unter seinen Augen oder man mag sein scharfes Kinn oder seine Bartstoppeln. Oder er hat immer noch einen sexy Hintern. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Das Schöne ist: Man findet immer etwas, weil die meisten sich vorher gar keine Gedanken darüber gemacht haben. Denn wenn alles einfach so klappt, braucht man das nicht.

LUCKY AGING: Also nicht so sehr auf die Schwächen und Defizite, die das Älterwerden mit sich bringt, achten und sich stattdessen eher auf Stärken konzentrieren…

ANN-MARLENE HENNING: Richtig. Allerdings sind wir es nicht gewohnt, uns mit diesen Augen zu sehen. Doch mit einem wohlwollenderen Blick, gewinnen wir Altersmilde. Und die brauchen wir, wenn wir den Sex nicht ganz abschreiben wollen. Denn wer ist schon noch so gut aussehend, schlank und beweglich wie früher? Niemand! Wenn wir aber den Perfektionismus vergessen und den Kampf gegen das Älterwerden aufgeben, entspannt sich einiges. Unsere Lebenserfahrung schenkt uns Gelassenheit, und wir finden einen neuen Rhythmus, sagen öfter einfach mal „Nein“ sagen und sorgen dafür, dass wir mehr gemeinsame Momente genießen können. Es muss nicht mehr alles spannend sein und jede Kleinigkeit klappen – auch beim Sex nicht. Ausgeglichene, ruhige Sicherheit ist viel wichtiger. Dann können wir uns auch sehr darüber freuen, dass wir einen Partner haben, der wirklich uns meint, der alle unsere schlechten Seiten kennt und trotzdem mit uns zusammen alt werden möchte.

LUCKY AGING: Trotzdem kann ja manchmal etwas frischer Wind im Liebesleben nicht schaden. Was empfehlen Sie Paaren in langjährigen Beziehungen dann?

ANN-MARLENE HENNING: Wenn das Liebesleben etwas langweilig oder sogar eingeschlafen ist, hat das oft damit zu tun, dass die Menschen nicht viele Möglichkeiten kennen oder nutzen. Der frühere Sex war häufig ein schneller Geschlechtsverkehr, von dem er mehr hatte als sie. Inzwischen hat dann keiner von beiden viel davon. Doch vielen fehlt gar nicht so sehr der Geschlechtsverkehr, sondern der Hautkontakt, die Zärtlichkeit, die Intimität. Damit können Paare beginnen. Sie können sich gegenseitig anfassen, den ganzen Körper, nicht nur die Geschlechtsteile, und dabei spüren: Wie ist das? Was ist schön? Das haben sie oft nie gemacht und kennen das gar nicht. Sich über den Kopf streichen, während man sich in die Augen schaut. Das ist wahre Intimität. Das weckt das Gehirn, unser größtes Sexualorgan. Und diese Hirn-zu-Hirn-Begegnung sorgt dafür, dass man tatsächlich wieder Lust auf den anderen bekommt, den man jetzt endlich wirklich sieht!

LUCKY AGING: Wie verändert sich die Lust auf Sex denn überhaupt mit dem Älterwerden? 

ANN-MARLENE HENNING: Die Ausschüttung von Hormonen verändert sich und damit auch die Libido. Zu Beginn der Wechseljahre so um 45/50 Jahre beeinträchtigt das die Lust von Frauen meist noch nicht. Viele haben in dieser Zeit oft sogar richtig Lust auf Sex. Bei anderen kommen schon Lustprobleme. Spannend ist: Mit dem Älterwerden gleichen sich die Geschlechter hormonell an, Männer werden östrogeniger und dadurch offener für Gefühle und Kuscheln, Frauen werden androgyner und egoistischer. Da geht was! Allgemein gesehen schlafen Paare aber weniger miteinander, je länger sie zusammen sind. Vielleicht nur einmal im Monat oder sogar noch seltener. Das kann aber auch schön sein. Man muss es nur verinnerlichen, dass das jetzt normal und in Ordnung ist. Wenn die Partner deswegen ein schlechtes Gewissen haben, gibt es Stress und dadurch noch weniger Lust. Das ist ein Teufelskreis. Und das Problem vieler Paare.

LUCKY AGING: Wie lässt sich dieser Leistungsdruck über Bord werfen? Dahinter stecken ja auch Zwänge zur Selbstoptimierung und zur Normerfüllung, die schon in jungen Jahren ganz tief verwurzelt sind. Was raten Sie Frauen und Männern, um sich davon zu befreien?

ANN-MARLENE HENNING: Das geht nur durch ein Innehalten. Und dummerweise ist es oft ein negatives Ereignis, das den Anstoß dafür gibt. Ein Schlaganfall, ein leichter Herzinfarkt, Freunde, die sterben – das alles sorgt für einen Schock und dadurch für ein Überdenken des eigenen Lebensstils. Besser wäre es natürlich, rechtzeitig vorher über das eigene Leben und die Beziehung nachzudenken. Bin ich zufrieden so, wie es ist? Wünsche ich mir, dass wir mehr zusammen machen? Möchte ich mehr Sex haben? Darüber sollten die Partner offen miteinander sprechen. Eine tolle Gelegenheit für ein solches Gespräch ist ein Fernsehabend. Beide sind zu Hause, noch wach, am gleichen Ort, vielleicht sogar zusammen auf dem Sofa. Also einfach mal aktiv die Fernbedienung nutzen, den Film, der gerade läuft, stoppen und dem Partner sagen, was einem gerade durch den Kopf geht. So kommt man wieder ins Gespräch miteinander. Und kann auch gemeinsame Wünsche ausloten.

LUCKY AGING: Und außer reden? Haben Sie vielleicht noch eine kleine Übung, die Sie Paaren mit auf den Weg geben können, um neuen Schwung in ihr Liebesleben zu bringen?

ANN-MARLENE HENNING: Sich zum Anfassen verabreden. Einer macht die Augen zu, und der andere streichelt ihn mit seiner ganzen Aufmerksamkeit am Rücken oder am Arm für zehn Minuten. Beide spüren bewusst nach, wie es sich anfühlt, atmen ganz ruhig und tief. Das schenkt Berührungen und Zärtlichkeit eine ganz neue Qualität. Danach wird getauscht. Das Wichtigste ist aber immer, entspannt miteinander umzugehen – nicht nur im Bett. Wer gegen das Älterwerden und das Alter ankämpft, ist deutlich unglücklicher – auch mit dem Sex. Diejenigen, die sich jedoch auf diese neue Lebensphase einstellen, haben eine glücklichere Zeit.

LUCKY AGING: Also sind die älteren Herren mit jungen Freundinnen gar nicht unbedingt die glücklichsten?

ANN-MARLENE HENNING: Nein, absolut nicht. Ich würde zwar nie sagen, es sei falsch, wenn jemand einen jungen Körper im Bett haben möchte und dafür Viagra nimmt. Vielleicht erregt ihn das jugendliche Aussehen seiner Partnerin schneller. Aber das schließt andere Probleme nicht aus. Menschen, die ihr Leben ihrem Alter entsprechend umstellen, leben besser, entspannter und zufriedener. Und haben die Chance, einen ganz neuen, anderen Sex zu entdecken.

 

Mehr Infos unter:  http://www.doch-noch.de  und http://www.make-love.de

Zum Weiterlesen: „Make more love. Ein Aufklärungsbuch für Erwachsene“ von Ann-Marlene Henning und Anika von Keiser (352 S., 14,00 Euro, Goldmann, erscheint am 5.März 2018)

 

Mehr zum Thema:

http://lucky-aging.de/2016/09/15/sex-ohne-stress-lustvoll-gesund-bleiben/

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Murphy Witt

Bildrechte: Porträt Ann-Marlene Henning: Nele Martensen; Photographee.eu/Fotolia

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