Erntezeit

Der Sommer geht. Erntezeit. Die Äpfel färben sich in den Bäumen. Die Kürbisse leuchten prall und rund. Und die Heide blüht. Ich atme tief durch und freue mich daran. Welch üppige Pracht und Fülle. Wie im Leben. Wenn der Sommer unserer mittleren Jahre sich dem Ende zuneigt, beginnt auch für uns die Erntezeit. Alles, was wir in jüngeren Jahren gesät und gepflanzt haben, trägt allmählich Früchte. Reifezeit. Und wir, wir können stolz und zufrieden davon profitieren. Unsere Ernte einfahren. Genießen, was wir uns erarbeitet, geschaffen haben.

Doch nicht selten schleicht sich dann bei mir auch Wehmut ein. Soll das schon alles gewesen sein, frage ich mich. Reicht es für die Zeit, die noch vor mir liegt? Wenn die Natur sich verändert, erinnert sie mich an meine eigene Vergänglichkeit. Trostlose Stoppelfelder, nachdem das letzte Getreide gemäht ist, die letzten trockenen Halme bald untergepflügt. Kein schöner Anblick. Doch erst die Vergänglichkeit macht uns den Wert dessen bewusst, was jetzt gerade ist in unserem Leben. Erst so können wir das, was uns heute glücklich und zufrieden macht, voll und ganz schätzen. Und solange wir leben neugierig und kreativ vervollkommnen.

Denn so wie aus Korn Mehl gemahlen, Brot, ja sogar Kuchen und Kekse gebacken werden kann, können auch wir uns weiterentwickeln. Was aus unseren Lebensfrüchten letztendlich noch wird, haben ganz allein wir in der Hand. Statt uns jetzt auf unseren Lorbeeren auszuruhen, können wir das, was wir bereits geerntet haben, dazu benutzen, persönlich weiter zu reifen, Erfahrungen, Eigenschaften und Qualitäten zu kultivieren, uns zu „veredeln“. Was bleibt ist die Essenz. Transformation. Und uns dabei von allem trennen, was wir in dieser Lebensphase schon jetzt nicht mehr brauchen. Ab in die Strohpresse damit! Erntezeit ist auch Abschied. Gehen, wenn es gerade am schönsten ist. Störenden Ballast abwerfen. Eine Lektion im Loslassen. Eine Übung in Demut. Das Akzeptieren, dass der Herbst vor der Tür steht. Auch eine Zeit mit eigenem Charme. Ich bin gespannt und freue mich darauf.

Murphy Witt

Bildrechte: Monika Murphy-Witt

Schreiben Sie uns doch einen Kommentar.

Ihre eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Theme designed by pannasch.net