Indien: Reiseglück für Fortgeschrittene

Laut ist es, irrsinnig laut, Autos hupen, Lastwagen röhren, Musik dröhnt aus den Fahrerkabinen, irgendwo sind Trommeln und Glocken zu hören, und mitten auf der Straße liegt eine Kuh. Der Smog brennt in den Bronchien, die scharfen Düfte einer Garküche ziehen in die Nase, und die Augen können das Gewimmel in leuchtenden Farben kaum erfassen: Pink, Orange, Gelb, Grasgrün, Gold. Indien ist ein Dauerreiz für alle Sinne. Der Subkontinent ist kein normales Urlaubsziel. Er schockiert und fasziniert uns in jedem Augenblick. Dieses riesige und vielfältige Land ist eine gewaltige Herausforderung und ein Segen für uns alle. Denn Indien gibt uns die Chance, unser eigenes Leben zu reflektieren und unsere persönlichen Werte zu überprüfen, uns in Gelassenheit zu üben und uns spirituell weiterzuentwickeln. Das perfekte Reiseziel für Best Ager. 

Drei Stiere trotten uns entgegen, ganz gemächlich auf der linken Straßenseite. Auf unserer Seite, Indien hat Linksverkehr. Rechts nähert sich ein Lastwagen. Das wird knapp. Geschickt lenkt Saresh, unser Fahrer, den Wagen durch die schmale Lücke. „Was ist schlimmer: ein Unfall mit einem Auto oder mit einer Kuh?“, frage ich ihn. „Na ja, einen Zusammenstoß mit einem Wagen versuche ich natürlich auf jeden Fall zu vermeiden“, antwortet er ruhig. „Wenn ich dabei eine Kuh erwische, muss ich sie, wenn sie einen Besitzer hat, bezahlen. Und dann muss ich so schnell wie möglich in einen Tempel gehen und beten.“ Kühe sind heilig in Indien, Gott Krishna spielte Flöte für sie, niemand würde ihnen etwas antun, sie zu füttern, zu versorgen und mit Respekt zu behandeln ist für jeden selbstverständlich, gut fürs Karma. Gott Shivas Reittier ist der Stier „Nandi“. Auf die Idee, dass daraus Rinderbraten und Burger werden könnten, kommt hier niemand. Nur die Milch wird dankbar entgegen genommen, zu Joghurt und Ghee, Butterschmalz, verarbeitet.

Achtung vor der Schöpfung, ganz selbstverständlich im Alltag – gut, daran erinnert zu werden. Bei uns in Europa mit seinen Großmastbetrieben und Billigfleisch-Angeboten ist sie nur noch selten zu finden. In Indien können wir sie überall beobachten. Tierliebe, nicht nur für Schoßhündchen und Kuschelkatzen. Hier ist jede Kreatur heilig – ob Affen, Schlangen oder sogar Ratten. Statt sie in Fallen zu fangen oder zu vergiften werden tausende der Nager täglich im Karni-Mata-Tempel in Deshnok von Gläubigen mit Milch und Knabbereien versorgt. Eine harte Prüfung für deutsche Nasen und nackte Füße, Tempel werden grundsätzlich barfuß betreten, auch hier. Doch als ich die Runde geschafft und mich dabei gar nicht schlecht gefühlt habe, bin ich stolz auf mich.

Wer Indien meistert, dem gelingt der Rest des Lebens. Das dritte Mal bin ich jetzt hier, fühle mich schon nicht mehr ganz so fremd, doch das Gefühl, noch vieles lernen zu müssen, bleibt. Sicher gibt es für uns Best-Ager-Touristen die Möglichkeit, bequem im Auto mit Fahrer über holprige Straßen und verstopfte Highways zu reisen und in fantastischen Hotels, Oasen der Ruhe und Freundlichkeit, zu nächtigen. Ich habe ein paar ausgesprochen angenehme Orte kennengelernt. Doch sobald man den geschützten Bereich globaler Gastlichkeit und bequemer Urlaubsroutine hinter sich lässt, wird man sofort erneut mit dem prallen indischen Leben konfrontiert, mit Lärm, Müllbergen und von Abgasen geschwängerter Luft, mit Männern, die sich in Schüsseln am Straßenrand waschen, und Familien, die neben glitzernden Shopping Malls unter Plastikplanen am Straßenrand leben. Ein Schwellenland auf dem Weg in die Zukunft. Während in gigantischen Trabantenstädten mit Golfplätzen immer neue High-Tech-Firmen aus dem Boden sprießen, trocknen ein paar Kilometer weiter in den Dörfern Fladen aus Kuhdung als Brennmaterial am Straßenrand. Eine ungeheure Diskrepanz zwischen arm und reich, Tradition und Moderne. Enorme soziale und kulturelle Gegensätze, die sich auf engstem Raum Tür an Tür begegnen.

Da heißt es, Stellung beziehen. Nicht die Augen davor verschließen, sondern diese Widersprüche auszuhalten und Konsequenzen für das eigene Leben daraus ziehen. Was tue ich für Menschen, denen es schlechter geht als mir? Wie kann ich sie unterstützen, hier und überall auf der Welt? Hilfsbereitschaft, Solidarität, Verantwortungsbewusstsein sind gefragt. Setze ich mich genügend ein? Oder sollte ich mich mehr engagieren? Natürlich weiß ich, dass es in diesem riesigen Land neben freundlich lächelnden Gesichtern, Yogis und geschmückten Tempeln auch Etliches gibt, das nicht meiner Vorstellung von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Friedfertigkeit entspricht. Und dennoch. Indien ist ein Katalysator für unseren Reifungsprozess, es zwingt uns zum Nachdenken – über unsere Grundwerte, über unsere Ziele, über den Sinn unseres Lebens.

Und dann stehe ich vor dem Taj Mahal. Gerade ist die Sonne in Agra aufgegangen, aber heute Morgen versteckt sie sich hinter Gewitterwolken. Plötzlich fallen Regentropfen. Kein optimaler Tag für einen Besuch hier. Doch auch ohne strahlend blauen Himmel zieht der gleißende weiße Marmor mich in seinen Bann. Ein Grabmal, das dem Leben und der Liebe huldigt, ein Sinnbild für Schönheit und Harmonie. Islamische, hinduistische und persische Elemente verschmelzen – typisch für die Architektur der Mogulherrscher – zu einer einzigartigen Ganzheit. Verschiedene Glaubenstraditionen friedlich nebeneinander vereint, nicht nur hier, sondern an vielen Palästen und Tempeln in Rajasthan. Vorbild für eine globale Weltkultur, Toleranz und Achtung für die Eigenheiten anderer Philosophien und Religionen, heute aktueller denn je. So bin ich einfach nur tief dankbar, hier sein zu können, und genieße mit jeder Faser meines Körpers die wunderbare Atmosphäre. Weder der dunkle Himmel, noch das Gerüst an einem der Minarette oder die immer neuen Besucherströme können der Erhabenheit dieses Ortes etwas anhaben. Im Gegenteil:  Erst die Spuren der Vergänglichkeit machen diese zu Stein gewordene Liebeserklärung von Großmogul Shah Jahan an seine Frau Mumtaz Mahal perfekt. Gerade die kleinen Makel sind es, die Schönheit noch stärker strahlen lassen. Auch im Alter. Noch eine Lektion, die Indien mir gerade erteilt hat. Sicher nicht die letzte.

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Mehr Reiseglück:
Myanmar-Ballonfestival
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