Alles ist endlich

Krebs bei Facebook? Wollen wir daran erinnert werden, dass es vielleicht morgen uns selbst trifft? Dass unser Leben nicht unendlich ist? Ja, ich will!

Wir wissen es alle: Krankheiten, dauerhafte Beschwerden, Schwäche, vielleicht auch Krebs gehören zum Älterwerden dazu. Und ja: Wir verdrängen es gern aus unserem Leben, schieben das Bewusstsein der Vergänglichkeit an den äußersten Rand unserer Seele. Doch dann kommt da plötzlich so ein Moment, in dem all diese Facetten des Alters auf einmal ganz nah sind, uns tief berühren und verunsichern, unseren sorgfältig gebastelten Wunschtraum vom gesunden und fröhlichen Älterwerden abrupt zerstören. Der Anruf einer Freundin, die gerade eine schlimme Diagnose bekommen hat, die Anzeige in der Zeitung, die über den erlösenden Tod eines noch recht jungen Bekannten informiert, oder ein Facebook-Post.

Krebs – das ploppte vor Kurzem in meiner Timeline auf. Eine meiner Facebook-Freundinnen hatte es gepostet:

 

Liebe Freunde, 
im Gegensatz zu anderen wird diese kleine Anfrage nicht dazu führen, Freunde von meiner Liste zu streichen. Da auch ich ein persönliches Interesse an den Auswirkungen von Krebs habe, will ich sehen, wer dies liest und wer es teilt ohne zu lesen!
Wenn du alles gelesen hast, wähle „Like“, damit ich dir danken kann.
Ich weiß, ein großer Teil von Euch wird das nicht senden, aber einige meiner Freunde werden es tun. Es handelt sich um eine Bitte, die an mich herangetragen wurde, um all jene zu ehren, die gestorben sind, eine Krebserkrankung überwunden haben oder gerade noch Krebs dagegen kämpfen.
Jeder sagt: „Wenn du irgendetwas brauchst, zögere nicht, ich werde für dich da sein“…, also werde ich eine Wette machen, ohne pessimistisch zu sein – ich will wissen, wer von meinen Freunden und Familie, das auf ihr FB-Profil setzen. Du musst es einfach kopieren und einfügen (nicht teilen)!!!
Ich will wissen, auf wen ich zählen kann… und ich bin mir sicher, dass es weniger als 25 sein. Schreib „fertig“ als Kommentar wenn du es tust! Das ist der Monat des Bewusstwerdung über diese Krankheit.
Ich habe das für jemand ganz besonderem gemacht!
Wir alle kennen jemanden, der gegen diese Krankheit gekämpft hat oder derzeit gegen diese Schlacht kämpft.

Erst wollte ich weiterscrollen – wie bei so vielem anderen, das mich via Facebook ungefragt überflutet. Doch der Text hatte etwas in mir angestoßen. Ich konnte ihn nicht einfach ignorieren, wegschieben, um Platz zu machen für die nächsten Posts. Also fügte ich ihn in meinem Profil ein. Und trug ihn bei mir, in meinen Gedanken und in meinem Herzen. Immer wieder ging er mir im Kopf herum, wurde verknüpft mit Erfahrungen aus meinem persönlichen Umfeld, die ich mit diesem Thema gemacht habe und noch mache. Und irgendwann merkte ich: Der Text beschäftigte mich zwar, aber er beunruhigte, ängstigte mich nicht. Ich war dankbar für diesen Gedankenanstoß. 

Alles ist endlich. Nichts ist für die Ewigkeit. An einem schwarzen Lavastrand auf Island konnte ich dies im vergangenen Sommer hautnah erleben. 1000-jähriges Eis, vom Gletscherrand abgebrochen und Richtung Meer getrieben, schmolz dort binnen weniger Stunden dahin, löste sich auf im salzigen Wasser. Auch ein Erlebnis, das mich tief berührt hat. Ein Lehrstück in Vergänglichkeit.

Selbst wenn es uns heute gut geht, wir uns fit und gesund fühlen – wir leben alle nicht ewig. Eine Tatsache, vor der wir nicht die Augen verschließen sollten. Schwere Krankheiten, chronische Leiden, ja auch das Sterben sind Teil des Lebens. Nur wenn wir uns damit schon in gesunden Zeiten auseinandersetzen, können wir irgendwann, wenn es uns tatsächlich treffen sollte, annehmen, was nicht zu ändern ist. Ohne zu sehr mit unserem Schicksal zu hadern. Nur wenn wir uns dessen bewusst sind, dass jeder Tag, jede Minute ein Geschenk ist, können wir sie wertschätzen, auskosten und in vollen Zügen genießen. Oder zumindest so, wie es uns genau in diesem Augenblick (noch) möglich ist. Vielleicht haben wir dann irgendwann auch den Hauch einer Ahnung davon, was nach dem Ende kommen könnte. Dann, wenn nach der Endlichkeit die Ewigkeit beginnt.

Murphy Witt

Bildrechte: Monika Murphy-Witt, Siegmar Witt

Ein Kommentar zu “Alles ist endlich”

  1. Angelika Koch

    Ein sehr berührender Text. Selbst wenn wir versuchen den Gedanken an Krebs und den Tod wegzudrücken, ist er doch in unserem Innersten immer da und taucht bei der kleinsten Unregelmäßigkeit auf.

Schreiben Sie uns doch einen Kommentar.

Ihre eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Theme designed by pannasch.net