Zwischenzeit

Da ist sie wieder, diese vage Zwischenzeit. Noch ist das alte Jahr nicht ganz vorbei, es bleiben ein paar letzte Tage und Stunden und die Ungewissheit, was sie der Chronik der vergangenen zwölf Monate noch hinzufügen werden. Ganz abgeschlossen ist das Gestern noch nicht, das Morgen aber auch noch nicht angebrochen. Und wir, wir hängen irgendwo dazwischen. Zwischen alt und neu, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Abschied und Vorfreude.

Während der Bauch noch die letzten Weihnachtsplätzchen verdaut, beschäftigt der Kopf sich schon mit Plänen und Projekten für die nächsten Monate. Einige Urlaubstage sind bereits verplant, vielleicht ist sogar schon ein Flug gebucht. Ein paar Termine für runde Geburtstage von Freunden, Familientreffen oder Tagungen beginnen spärlich, den noch jungfräulichen Kalender zu füllen, dem neuen Jahr Leben einzuhauchen. Doch so richtig angekommen sind wir dort bisher nicht. Zu vieles beschäftigt uns noch, was längst abgehakt schien, kommt noch einmal hoch jetzt, kurz bevor die Tür sich schließt. Rückschau, Bilanz ziehen, auch das gehört in diese Zeit.

Nutzen wir sie ganz bewusst dafür, den Übergang zu gestalten. Fast irritierend ruhig können diese Tage „zwischen den Jahren“ sein, wenn die Lage sich nach Adventshektik und weihnachtlichem Trubel endlich wieder entspannt hat, wenn viele Firmen nur auf Sparflamme arbeiten, die Mailflut kurz abebbt und die Telefone schweigen. Genießen wir es einfach, dass die Uhren langsamer zu gehen scheinen, die Zeit nur tröpfchenweise verrinnt. Statt die stillen Stunden mit Ablenkungsaktivitäten voll zu stopfen oder sich erneut durch wühlige Kaufhäuser und Shoppingcenter zu schieben, sollten wir die Zwischenzeit achtsam und bewusst für uns nutzen.

„Rauhnächte“ – so wird die Zeit zwischen dem 25.Dezember und dem 6. Januar traditionell genannt. Elf Tage und zwölf Nächte „außerhalb der Zeit“, entstanden durch Abweichungen zwischen Sonnen- und Mondjahr. Eine mystische Phase des Wandels, des Neubeginns mit Orakelbräuchen wie Bleigießen und Räucherritualen: desinfizierende Myrrhe für Klärung und Ruhe, Salbei für kräftige Reinigung, Thymian für starke Energie. Doch auch ohne das Vergangene mit einer Räucherschale aus allen Ecken der Wohnung zu vertreiben und dabei Belastendes, notiert auf Zetteln, mit zu verbrennen, können wir in dieser Zeit in uns gehen und zur Besinnung kommen. Wer sich selbst Raum und Ruhe dafür gibt, wird staunen, was dabei Spannendes zum Vorschein kommt.

Vielleicht haben wir das Gefühl, dass wir uns noch mit jemand aussprechen müssen, dass ein Missverständnis nicht ausgeräumt ist, dass eine Entschuldigung nicht ausgesprochen wurde. Dann ist jetzt die Zeit dafür, um mit anderen und uns selbst ins Reine zu kommen. Auch um Frieden zu schließen. Vielleicht ist aber auch viel Schönes passiert im vergangenen Jahr, vielleicht hat es uns wunderbare Erlebnisse und Menschen geschenkt, vielleicht haben wir Eindrucksvolles und Berührendes erlebt und einiges von dem erreicht, was wir uns für unser Leben vorgenommen haben. Dann ist es jetzt Zeit, das dankbar zu würdigen und allem seinen Platz in unserer eigenen Geschichte und in unserem Herzen zu geben. Denn erst wenn wir das tun, sind wir wirklich offen für Neues. Erst dann können wir Pläne schmieden und verfolgen. Erst dann können wir uns tatsächlich voll und ganz auf das kommende Jahr einlassen. Das kurze Innehalten in der Zwischenzeit schenkt uns die Klarheit und die Kraft dafür. Und wichtige Erfahrungen mit uns selbst, die nur in genau diesen Augenblicken, an diesen besonderen Tagen in unserem Leben entstehen.

„Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist gestern, der andere morgen.
Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.“

Dalai Lama

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