Hält uns Arbeit jung?

 

Die Deutschen werden immer älter. Schon diskutieren Politiker, das Rentenalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Immer länger arbeiten? Die meisten sträuben sich vehement dagegen. Dabei könnten viele von uns davon profitieren, hat Professor Sven C. Voelpel, Betriebswirt und bekannter Demografie-Experte an der Jacobs University Bremen, herausgefunden. In seinem neuen Buch „Entscheide selbst, wie alt du bist“ hat er jetzt zusammengetragen, was die Forschung übers Jungbleiben weiß. Sein Fazit: „Altern ist heute in hohem Maße eine Sache der Einstellung, eine Kopfsache. Jeder ist seines Alters Schmied.“ Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle, wie LUCKY AGING im Interview erfahren hat.

LUCKY AGING: Herr Professor Voelpel, würde es uns gut tun, länger zu arbeiten? Und wenn ja, warum? 

SVEN C. VOELPEL: In Ihrem Blog geht es ja darum, den Spaß am Altwerden zu entdecken oder zu bewahren. Die Realität der Pensionierung ist dagegen aber häufig eine Vollbremsung aller Aktivitäten. Und gerade das ist aus medizinischer und psychologischer Sicht das Gefährliche: In einer Studie wurde der Blutfluss im Gehirn von Menschen im Rentenalter gemessen. Bei der Gruppe, die weiterhin gearbeitet hat, blieb er konstant. Bei der Gruppe, die den Ruhestand aktiv gestaltet hat, ist der Blutfluss in den ersten ein, zwei Jahren angestiegen. Warum? Die lernen etwas Neues und machen etwas, was ihnen Spaß macht, sei es ein Ehrenamt, sei es ein Hobby. Nach vier Jahren wird jedoch auch das zur Routine, und der Aktivitätslevel gleicht sich wieder den Arbeitenden an. Und dann gibt es die dritte Gruppe: diejenigen, die passiv in den Ruhestand gehen. Beispiele kennen wir vermutlich alle von Bekannten oder Verwandten. Erst hat man noch große Pläne: „Ach, dann haben wir endlich Zeit für Freunde und Reisen.“ Dann sitzt man aber doch zu Hause, geht nicht mehr raus, und es folgt ein Leistungsabfall. Das sieht man ganz deutlich am Blutfluss im Gehirn. Hinzu kommen oft Krankheiten wie Herzinfarkt und Depressionen. Platt gesagt: Wer rastet, der rostet.

LUCKY AGING: Das sind spannende Ergebnisse. Trotzdem heißt heute, wenn es ums Arbeiten im höheren Lebensalter geht, die Devise oft immer noch: ganz oder gar nicht. Was wäre Ihrer Meinung nach die beste Lösung? 

SVEN C. VOELPEL: Ich denke, wir brauchen einfach flexiblere Möglichkeiten. Dazu gehört, dass die Politik gesetzliche Voraussetzungen schafft, die es jemandem gestattet, auch über ein gesetztes Alter hinaus zu arbeiten, wenn er möchte. Als ich meinen Arbeitsvertrag an der Jacobs University erhielt, stand darin – wie vermutlich bei jedem von uns –, dass mein Arbeitsvertrag automatisch mit dem Eintritt in das rentenübliche Alter erlischt. Ich muss also mit 65 Jahren oder nach heutiger Regelung bereits mit 67 Jahren in den Ruhestand gehen. Ich löschte diese Formulierung in meinem Vertragsentwurf und fragte die Unileitung, ob ich nicht einen lebenslangen Vertrag haben könnte. Ich wurde allerdings abgeschmettert mit dem Argument: Dies sei die gesetzliche Lage und daher nicht möglich! Auch die Unternehmen müssten flexibler reagieren.

LUCKY AGING: Und wir selbst? 

SVEN C. VOELPEL: Letzten Endes müsste sich auch jeder einzelne fragen: Möchte ich wirklich das oben beschriebene Risiko eingehen, wenn ich alle Aktivitäten von 100 auf Null herunterfahre? Oder möchte ich mich anderweitig betätigen? Es muss ja nicht das gleiche Berufsfeld sein, sondern vielleicht ein Ehrenamt. Ich denke, die Aufforderung, seinen Impulsen und den über Jahren entwickelten Instinkten in Kombination mit sehnsüchtigen Wünschen zu vertrauen, ist der Schlüssel.

LUCKY AGING: Viele nutzen Modelle wie die Altersteilzeit oder attraktive Pensionslösungen von Firmen, die Stellen abbauen wollen, um frühzeitig in den Ruhestand zu gehen. Was halten Sie davon? Tun sich diese Menschen einen Gefallen? Welche Vor- und Nachteile bringen solche Modelle?

SVEN C. VOELPEL: Ich habe in der FAZ bereits 2015 ein Manifest geschrieben – einmal für die Rente mit 50 und einmal für die Rente mit 100. Einerseits könnten im Zuge von Digitalisierung, Arbeitserleichterung und Produktivitätssteigerung Arbeitszeiten eindeutig vermindert werden. Auf der anderen Seite, so die Gegenthese, spricht aus der Sicht der Arbeitnehmer vieles für die Verrentung mit 100 für alle, die lange gesund und glücklich leben wollen.

LUCKY AGING: Das ist extrem…

SVEN C. VOELPEL: Sicher, das sind jeweils etwas überzogene Positionen. Trotzdem sollten sich alle dafür einsetzen, in höherem Alter im eigenen Tempo weiter arbeiten zu können. Die Unternehmen stehen, wahrscheinlich schneller als sie denken, in der Verantwortung, dies durch mehr Flexibilität zu ermöglichen. Mir als Visionär und Vorreiter geht es darum, die Einstellung der Menschen zu verändern. Und zwar dahingehend, dass Alter nicht negativ ist, sondern dass es sinnvoll ist, in Zeiten des vorhandenen und vor allem kommenden Fachkräftemangels die erfahrenen Mitarbeiter zu behalten und mit jüngeren zusammen zu bringen. Aus der betriebswirtschaftlichen Sicht gesprochen: Man muss nur wissen, wie das effektiv geschehen kann, damit neue Produkte und Dienstleistungen entstehen, dann rechnet sich jeder Aufwand gegenüber den Einsparungen aus Abbauprozessen. Und aus menschlicher Perspektive: Irgendwo zwischen den Extremen liegt die Wahrheit. Wichtig ist es für uns, mit unseren Kräften über das ganze (lange) Leben hinweg eine Balance zu finden und unseren eigenen Werten entsprechend zu handeln.

LUCKY AGING: Oft werden ältere Mitarbeiter jedoch gegen ihren Willen als „Streichreserve“ genutzt, wenn Personalkosten eingespart werden müssen. Dann müssen sie unfreiwillig ihren Platz räumen und (vorgezogen) in Rente gehen. Was empfehlen Sie diesen Menschen?

SVEN C. VOELPEL: Wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, empfehle ich, ganz genau zu hinterfragen, wie man seine Expertise und Fähigkeiten für die Gesellschaft oder für sich allein gewinnbringend einsetzen kann. In den meisten Fällen kann man gerade dann, wenn man die Prozesse kennt, beispielsweise andere beraten oder sich ganzheitlichen Aufgaben widmen. Auf einer Veranstaltung habe ich letztens ein Paar getroffen, das selbst einen Beitrag leisten wollte, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Es organisierte jährliche Colloquien für MINT-Fächer, bei denen es Schüler und vor allem auch Schülerinnen anregen wollte, Studiengänge in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik zu wählen. Oft sind die Begeisterungsfähigkeit und der Wunsch nach einer gesellschaftlich tragenden Rolle auch in höherem Alter noch groß. Hier bietet sich die Gelegenheit, diesen Impulsen nachzugehen.

LUCKY AGING: Viele können irgendwann aber gar nicht länger in ihrem Beruf arbeiten. Vielleicht ist er zu anstrengend oder sie sind aus persönlichen gesundheitlichen Gründen den Anforderungen und der Belastung nicht mehr gewachsen. Ist für sie der Ruhestand dann die „Befreiung“? Was raten Sie Ihnen?

SVEN C. VOELPEL: Seit zwölf Jahren forsche ich zu diesem Thema mit Kollegen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und habe eigens für die Altersforschung das WDN – WISE Demografie Netzwerk begründet. Dabei wir sind auf ein Kernthema gestoßen, das maßgeblich beeinflusst, wie wir altern, und zwar auf mentaler, emotionaler und physischer Basis. Dieses Kernthema ist unsere Einstellung. Alle Personen, die sehr alt geworden sind, haben kaum Gemeinsamkeiten, aus denen sich ableiten ließe, welches Geheimnis zu ihrem hohen Alter beigetragen haben könnte. Aber alle hatten eine positive Einstellung zum Alter(n).

LUCKY AGING: Das ist extrem interessant. Also haben wir es tatsächlich ein Stück weit selbst in der Hand – nicht nur wie wir alt werden, sondern sogar wie alt wir werden. Um so wichtiger erscheint es, den Übergang zwischen Arbeitsleben und Ruhestand so zu gestalten, dass wir keinen „Rentenschock“ bekommen. Was können wir dagegen tun?

SVEN C. VOELPEL: Es hilft, sich bereits frühzeitig zu überlegen, was man „im Alter“ denn tatsächlich möchte. Die Kompetenz, gesund und glücklich zu altern, können wir uns von Kindesbeinen an aufbauen. Aber es muss dann eben noch etwas hinzukommen: eine positive Einstellung zum Leben und zum eigenen Alter. Mit 60 den Fallschirmsprung wagen, mit 85 noch anfangen zu fechten, mit 100 zur Tanzstunde gehen oder die lang ersehnte Weltreise antreten. Die Vorteile im Alter sind doch, die Zeit und die Narrenfreiheit zu haben, sich von Neugierde und Impulsen leiten zu lassen. Und die Möglichkeit, aus starren Alltagsstrukturen auszubrechen.

Mehr Infos zum Buch: http://www.alter-ist-kopfsache.de

 

 

Murphy Witt

Bildrechte: Fotolia/Photographee.eu; Sven C. Voelpel

Ein Kommentar zu “Hält uns Arbeit jung?”

  1. Dr. Heidi Braunewell

    Ein sehr informatives Interview mit präzisen Fragen, die frau/man sich bisher (noch) nicht gestellt hat. Die Antworten geben Impulse in neue Denkrichtungen und regen zu Veränderungen mancher Sichtweisen an. Mögen Prof. Voelpels Visionen Arbeitnehmende wie Arbeit- und Gesetzgebende gleichermaßen inspirieren.

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