Zeit schenken

Bald ist Weihnachten. Der Run auf Geschenke hat begonnen. Gar nicht so einfach in einer Gesellschaft, in der viele fast alles haben. Da wundert es kaum, dass findige Werbestrategen eines Lebensmittelhändlers eine emotionsgeladene Idee hervorkramen: #Zeitschenken. Und um sie möglichst vielen schmackhaft zu machen, wird in den Läden der Kette jetzt sogar ein Schokoladenherz in Goldpapier zusammen mit einem „Zeitgutschein“ vertrieben. Sind wir so einfallslos, dass wir tatsächlich solche Nachhilfe in Sachen „Liebesgaben“ nötig haben? Wie dekadent ist es, dass wir Geld dafür hinlegen sollen, um mal kein Geld für ein materielles Geschenk auszugeben?

Gut, im Preis von einem Euro sind 30 Cent Spende für eine wohltätige Organisation für Kinder enthalten. Nicht schlecht! Doch ohne Kauf des goldigen Herzens könnte das ganze Geld direkt dorthin gehen. Und ein Gutschein für  gemeinsame Zeit ließe sich auch etwas persönlicher gestalten. Aber das würde natürlich auch Zeit kosten. Einen Euro über den Ladentisch zu schieben, geht da schneller. So findet die zeitsparende Variante des Zeitschenkens offenbar Anklang – den Reaktionen im Internet nach zu urteilen. Wahrscheinlich wird sie sich noch zum perfekten Last-Minute-Geschenk mausern, bevor am Heiligabend die Geschäfte endgültig schließen. Bleibt zu hoffen, dass die Schenkenden dann wenigstens genug Zeit dafür finden, ihr Zeitgeschenk nach den Feiertagen auch zu erbringen.

Neulich war ich an einem Samstagnachmittag in der Hamburger Innenstadt. Etwas, das ich normalerweise vermeide. Erschreckend, wie viele Menschen sich mit frustriert-leeren Gesichtern dort durch volle Geschäfte schoben. In der Adventszeit wird das Gedränge noch dichter werden. Und nicht jeder, der dann unterwegs ist, muss wirklich dringend etwas einkaufen. Wäre es nicht sinnvoll, statt zum Zeitvertreib shoppen zu gehen, die dadurch gewonnene Zeit besser zu nutzen? Für einen gemütlichen Brunch mit der Familie. Für ein Treffen mit alten Freunden. Um die hilfsbedürftige Nachbarin zu unterstützen. Oder um sich Gedanken über ein echtes Zeitgeschenk zu machen und dieses liebevoll und sehr individuell gestaltet zu verpacken.

Zeit zu verschenken ist etwas Wunderbares. Wir sollten es bewusst tun und nicht nur, weil uns nichts Besseres einfällt. Oder weil uns in der Vorweihnachtszeit wieder mal die Zeit davon gelaufen ist und der Blick an der Supermarktkasse auf einen „Zeitgutschein“ fällt. Zeit ist kostbar, vor allem für Ältere, die vielleicht nicht mehr so viel davon haben. Ein wertvolleres Geschenk können wir jemand kaum machen, auch uns selbst nicht. Denn darin steckt mehr, als „nur“ ein paar gemeinsame Stunden: Zuneigung, Wärme, Geborgenheit, Freude, Erlebnisse, Erinnerungen, Glück sind unschätzbare Beigaben. Für den Beschenkten wie den Schenkenden. Sie weben das Beziehungsgeflecht, das uns trägt und gut tut – weit über die Feiertage hinaus. Feine Schokolade in Goldpapier ist dafür gar nicht nötig.

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben,
sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“

Seneca

Murphy Witt

Bildrechte: Siegmar Witt

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