Herbstspaziergang

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Schritt für Schritt setze ich einen Fuß vor den anderen. Gehen ist ein Heilmittel für die Seele – vor allem jetzt im Herbst. Der Boden im Moor ist weich und federt. Die Luft ist klar und noch mild. Die letzten Mücken tanzen in der Sonne. Und die fantastischen Farben verwöhnen meine vom PC-Bildschirm gestressten Augen. Schritt für Schritt finde ich in meinen eigenen Rhythmus. Locker schwingen die Arme neben dem Körper mit. Der Atem fließt. Waren das nicht gerade drei Kormorane, die über mich hinweg geflogen sind? Egal. Ich lasse sie ziehen, vergesse sie wieder. Schritt für Schritt werde ich mehr zu einem Teil der Landschaft. Der Weg ist mein Ziel. Meine Gedanken kreisen nicht länger um Alltägliches. Allmählich fällt der Stress der letzten Tage von mir ab. Ich komme zur Ruhe. Schritt für Schritt.

Gehen verbindet uns mit der Welt. Und es ist ein Ausdruck dafür, wie wir uns in ihr bewegen. Laufen wir nur mal eben zum Bäcker? Hetzen wir von einem Termin zum anderen? Rennen wir vielleicht vor etwas davon? Schlendern wir ziellos durch die Gegend? Trotten wir gedankenlos hinter jemand her? Stampfen wir wütend über den Flur? Trippeln wir zaghaft und zaudernd von einem Fuß auf den anderen? Walken wir kraftvoll durch den Wald? Oder flanieren wir genussvoll durch den Park? Wie gehen wir heute? Anders als gestern? Oder vor drei Jahren? Wer sich selbst genau beobachtet, kann viel über sich erfahren. Über seinen Körper, wie er sich im Laufe der Jahre verändert, aber auch über seine Seele. Wenn wir tatsächlich einmal aufmerksam darauf achten, wie wir uns tagein tagaus Schritt für Schritt vorwärts bewegen, können wir entdecken, wie wir durchs Leben gehen.

Wir können aber auch dadurch, wie wir gehen, etwas in Gang setzen, auftanken und frische Energie gewinnen ebenso wie entspannen und bewusst zur Ruhe zu kommen. Über den Körper können wir unsere Seele beeinflussen. Eine große Chance. Die beste Methode dafür ist das achtsame Gehen, Mindful Walking. „Bei dieser Form des meditativen Gehens betrachten wir die Umgebung aufmerksam und nehmen alle unsere Sinne bewusst wahr. Das harmonisiert die Innen- und Außenwahrnehmung“, sagt Dr. Tobias Sprenger, Medizinischer Direktor der Villavita Tagesklinik für ganzheitliche Medizin in Köln. Der anthroposophische Arzt weiß: Wer bei jedem Schritt sein Bewusstsein auf das Hier und Jetzt ausrichtet und bei jeder Bewegung aufmerksam auf alle Gefühle und Empfindungen achtet, schärft seine Wahrnehmung von sich selbst und der Welt, erkennt seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen und gewinnt innere Stärke. Und ganz nebenbei hilft diese Art der Meditation dabei, Stress abzubauen und sich zu entspannen. „Achtsames Gehen beruhigt und macht wach zugleich. Und es hilft, durch dauerhafte Anspannung gestörte Rhythmen im Körper wieder zu harmonisieren“, so Tobias Sprenger.

Versuchen Sie es selbst! Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, einen Park, der nicht überlaufen ist, einen Waldpfad, einen Weg durchs Herbstmoor. Bevor Sie los gehen, stellen Sie sich ganz entspannt hin, bewegen Ihren Körper etwas hin und her, lassen den Oberkörper kreisen und atmen ein paar mal tief ein und aus. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen, in Ihren Körper hinein. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie darin angekommen sind, verlagern Sie das Gewicht mehrfach von einem Fuß auf den anderen. Dann machen Sie bewusst den ersten Schritt und setzen sich ganz langsam in Bewegung, einen Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen, die Unebenheiten im Weg, die Bewegung Ihrer Beine, Ihres Körpers. Konzentrieren Sie sich voll und ganz auf das Gehen. Wenn Ihre Aufmerksamkeit abschweift, lenken Sie sie zurück in Ihre Füße. Atmen Sie tief und lassen Sie alle Anspannung los. Und genießen Sie jeden einzelnen Schritt. Oft reichen schon zehn Minuten, und Sie gehen ganz anders durch die Welt. Und durchs Leben.

„Jeder Schritt, den wir tun,
bringt einen kühlen Windhauch,
der Körper und Geist erfrischt.“

Thich Nhat Hanh

 

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