Magische Momente

 

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Meist sind sie ein Wendepunkt im Leben, wenige Sekunden, in denen sich sich alles verändert, was bisher war. Ein winziger Augenblick, der ganz tief in unserem Innern etwas berührt, in Bewegung setzt, zum Strahlen bringt. Dann wissen wir, schon bevor unser Verstand dies erklären kann, mit hundertprozentiger Sicherheit: Ja, so ist es, so muss es sein, das passt, diesen Weg muss ich gehen, genau hier und jetzt.

Was hat Sie dorthin gebracht, wo Sie jetzt gerade stehen? Wie viele solcher magischen Momente haben Sie in Ihrem Leben gespürt? Fünf sind es bei der Journalistin und langjährigen Chefredakteurin Dorothee Röhrig, fünf Schlüsselerlebnisse, die ihren Lebensweg entscheidend beeinflusst haben. Über diese – wie sie es nennt – „Aussichtspunkte auf der Lebensstrecke“ hat sie jetzt ein sehr berührendes Buch geschrieben. LUCKY AGING hat mit ihr darüber gesprochen. Denn: Für magische Momente gibt es keine Altersgrenze.

LUCKY AGING: Wann ist ein Moment wirklich magisch?  Was unterscheidet ihn von einer einzigartigen Erinnerung?

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DOROTHEE RÖHRIG: Ein Moment ist dann magisch, wenn ich einen Zauber empfinde, eine Kraft, die mich aus dem Alltäglichen heraus führt. Wenn ich so etwas fühle wie: Das ist jetzt nicht von dieser Welt! Ein Moment, der mit dem Verstand nicht zu erfassen ist. Und der eine Veränderung auslöst. Einen unerwarteten Wendepunkt, an dem etwas Neues anfängt. Das unterscheidet den magischen Moment von einer besonders schönen Erinnerung.

LUCKY AGING: „Würden Sie meiner Frau bitte die Waschräume zeigen?” Dieser eine Satz, dieser magische Moment, hat Ihr ganzes Leben noch einmal umgekrempelt. Zu diesem Zeitpunkt waren Sie 60. Was glauben Sie: Hätte dieser Satz in einem anderen Abschnitt Ihres Lebens die gleiche Wirkung auf Sie gehabt?

DOROTHEE RÖHRIG: Das kann ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Es war eben dieser eine Satz zu diesem einen Zeitpunkt. Da passte etwas zusammen. Ich war durchlässig, offen dafür, mein Leben umzukrempeln, meine Ehe zu verlassen und mit einem neuen Mann zu leben, den ich inzwischen geheiratet habe. Der Hirnforscher Marc Wittmann nennt in meinem Buch den magischen Moment „die Spitze des Eisbergs”.  Wir tragen so viel in uns, ohne es zu ahnen, und dann kommt ein einziger Satz, ein Hinweis, ein Impuls, der uns ungeplant trifft und das ganze Leben verändert.

LUCKY AGING: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das Alter überhaupt bei der Wahrnehmung von magischen Momenten? Sind wir eher offener, sensibler dafür oder sperren wir uns dagegen, weil wir uns in unserer Komfortzone gut eingerichtet haben? 

DOROTHEE RÖHRIG: Eine gute Frage. Macht das Älterwerden starrer oder durchlässiger? Ich meine, beides. Bei mir beobachte ich, dass ich einerseits mehr Grenzen setze, besser weiß, was ich will und was ich nicht mehr brauche, mich weniger verbiege für irgendwen oder irgendwas. Das könnte man als Komfortzone bezeichnen, die ich mir einrichte. Andererseits empfinde ich mich oft als dünnhäutiger, also durchlässiger als früher und sicher war ich noch nie so glücklich wie heute. Ich habe meine Lebensfreude noch nie so bewusst genossen. Wahrscheinlich ist das ein sehr individuelles Thema. Aber ich bin überzeugt, dass ich auch mit 80, 90 Jahren noch magische Momente erleben kann!

LUCKY AGING: Wie lässt sich der Spürsinn für solche magischen Momente verbessern?

DOROTHEE RÖHRIG: Indem wir eingefahrene Denkmuster und Vorurteile abbauen. Dieses „Das kenne ich schon, ich weiß genau, wie das endet” blockiert uns. Wir leben viel zu sehr nach vorgefertigten Konzepten. Mehr Spontanität wagen. Mal etwas ausprobieren. Bereit sein, das Ruder herumzureißen. Und offen sein für Überraschungen, die das Leben größer und schöner machen.

LUCKY AGING: Lassen sich magische Momente bewusst herbeiführen? Zum Beispiel wenn sich eine Unzufriedenheit im Leben breit gemacht hat und wir nach Neuem suchen? Wie lässt sich ein Funkeln finden, ein Funke, der eine neue Leidenschaft entzünden kann?

DOROTHEE RÖHRIG: Ich glaube nicht, dass man sich gezielt auf die Suche begeben kann nach magischen Momenten. Aber man kann in sich hineinspüren, und vielleicht eine Sehnsucht wahrnehmen, eine geheime Lust auf Veränderung. Das ist schon mal der erste Schritt. Damit werden wir berührbar vom Leben um uns herum. Und den vielen Möglichkeiten, die überall warten. Den magischen Momenten. Nicht zu vergessen der Mut, den es auch braucht, um glücklich zu sein. Glück ist eine Entscheidung, eine bewusste, freundliche Haltung zum Leben.

LUCKY AGING: Muss ein magischer Moment immer zu Veränderung führen? Oder kann er uns auch zeigen, dass alles gut so ist, wie es ist? Welche Rolle spielt er im Zusammenhang mit Dankbarkeit und dem Wissen am richtigen Platz zu sein?

DOROTHEE RÖHRIG: Dankbarkeit oder das Gefühl, alles ist gut, ich bin am richtigen Platz, schließen Veränderung ja nicht aus, sondern sogar ein. Ich wollte in meinem Buch dem magischen Moment auf die Spur kommen und habe dafür mit Experten gesprochen aus der Neurowissenschaft, Psychologie,  Biografieforschung und Theologie. Was ich verstanden habe ist, dass Leben immer Entwicklung bedeutet. Und dass der magische Moment einen bestimmten Punkt dieser Entwicklung markiert. Alles fließt. Leben ist Dynamik, Leben ist Veränderung. Jeden Tag.

LUCKY AGING: Viele Menschen wagen noch mal etwas Neues, wenn sie in den Ruhestand gehen. Welche Chance steckt am Ende des Arbeitslebens? Was gewinnen wir, wenn wir uns auf Neues einlassen? Was empfehlen Sie denjenigen, die an dieser Schwelle stehen?

DOROTHEE RÖHRIG: Dieser Lebensabschnitt birgt die große Chance, ohne Termindruck und Tunnelblick die Vielfalt des Lebens an sich heranzulassen. Es ist doch eigentlich wunderbar: Man hat mehr Zeit, um in Ruhe nachzudenken und gleichzeitig um wach und neugierig sein. Gedankenfreiheit, gepaart mit neuen Erlebnissen, neuen Eindrücken – was für eine kreative Möglichkeit! Eine Lebensphase, auf die man sich doch richtig freuen kann!

 

Zum Weiterlesen: 
„Die 5 magischen Momente des Lebens. Wie wir die Chancen ergreifen, die uns das Schicksal schenkt“ von Dorothee Röhrig (256 S., 19,99 Euro, Kailash Verlag)

Murphy Witt

Bildrechte: Siegmar Witt; Porträt: Christian Schoppe

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