Der Hüter der Apfel-Arche

_DSC6779_1Klein und rundherum leuchtend rot ist der Apfel in seiner Hand, die Schale etwas rauh und „rostig“. Gemessen an Hochglanz-Obst-Maßstäben sieht er nicht so richtig attraktiv aus. Aber er schmeckt vorzüglich, frisch, sehr aromatisch mit einem Hauch von Nuss. „Das ist ein Hadelner Rotfranch“, erklärt Eckart Brandt, während er Spalten davon verteilt. „Woher er kommt, weiß man nicht, vielleicht aus Frankreich. Aber seit über 200 Jahren wächst er hier in der Gegend. Allerdings dauert es rund 30 Jahre, bis ein Baum richtig trägt. Und den besten Ertrag liefert er erst nach 50 Jahren. Den muss man zur Konfirmation pflanzen, damit man im Rentenalter ernten kann.“ An sein eigenes Rentenalter denkt der 66-jährige Biobauer und leidenschaftliche Pomologe, Obstbaumkundler, allerdings nicht – obwohl er reichlich Obstbäume zum Ernten hätte. Erst vor kurzem hat er noch einmal ein neues Projekt begonnen, den „Boomgarden Park“ in Helmste bei Stade. Ein Garten zur Erhaltung alter traditioneller Obstsorten, Äpfel, Birnen, Kirschen, ein lebendes Museum zur Bewahrung eines einmaligen Genpools, den der moderne EU-gesteuerte Hochleistungsanbau endgültig zu zerstören droht. Eine Obst-Arche, sein Lebenswerk.

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Eigentlich sollte Eckart Brandt „mal was Besseres“ werden, erhoffte sich der Vater, ein Imker mit einem kleinen Apfelhof. So studiert er in Hamburg Geschichte, Germanistik, Anglistik und alles, was ihn sonst noch interessiert. Promovieren will er. Doch irgendwann merkt er, dass er nicht den Rest seines Lebens mit „Papierrascheln“, wie er sagt, verbringen will, sondern lieber in der Natur. Es zieht ihn zurück aufs Land, er beginnt mit Imkerei, dann kauft er einen Resthof in Kehdingen, ein halber Hektar Obsthof gehört dazu, darauf alte Boskoop-Apfelbäume. Der Grundstein für eine Leidenschaft ist gelegt.

Naturnah, ökologisch verträglich soll alles sein. Die aufkommende Biobewegung der frühen 1980er Jahre hat es Brandt angetan. Schnell merkt er jedoch, dass seine Idee von biologischem Land- und Obstbau nur schwer funktioniert, die Böden sind schon zu lange mit allen Mitteln der Chemie bewirtschaftet worden. Dann entdeckt er andere alte Apfelsorten, wie seine Boskoop. Sie sind robuster als die Neuzüchtungen, resistenter gegenüber Krankheiten und Schädlingen, kommen problemlos auch ohne das Spritzen von Pflanzenschutzmitteln aus. „Fast alle Sorten des modernen Sortiments stammen vom ‚Stammvater‘ Golden Delicious ab. Das macht sie empfindlich“, sagt Eckart Brandt. „20 Spritzungen im Jahr sind im Erwerbsobstbau schon normal.“ Sein Ding ist das nicht. Ebenso wenig wie eintönige Monokulturen. „Im Augenblick wird der Kirschanbau komplett umgekrempelt“, schimpft er. „Dachkirschen sind der Trend. Kleinere Bäume unter Foliendächern. Von den rund 70 Kirschsorten, die allein es im Alten Land mal gab, werden wohl nicht viele übrig bleiben.“ Noch eine Aufgabe für seine Arche.

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Seit gut 30 Jahren sammelt Eckart Brandt jetzt alte Obstsorten, lokale, regionale, längst verschollen geglaubte. Dabei hat er ganz nebenbei entdeckt, dass viele dieser alten Apfelarten auch von Allergikern gut vertragen werden: Alkmene, Holsteiner Cox, Finkenwerder Herbstprinz, Altländer Pfannkuchen könne viele oft problemlos essen. Das Allergie-Zentrum der Berliner Charité will jetzt in einer Studie herausfinden, ob der Verzehr solcher allergen-armen Äpfel Betroffene vielleicht auf natürliche Weise desensibilisieren kann. Die Äpfel für diese Untersuchung liefert Eckart Brandt.

Inzwischen hat sich herum gesprochen, was er macht. Eckart Brandt ist der „Apfelmann“. Leute kommen mit Äpfeln, die sie nicht kennen, rufen ihn an, bevor ein Baum gefällt, ein Grundstück verkauft wird. Dann schneidet er Zweige und versucht, einen Baum daraus zu ziehen für seine Sammlung, recherchiert traditionelle Namen, Herkunft und Geschichten, die mit der Sorte verbunden sind. Da kann er den Historiker in ihm nicht verleugnen. Etwa 8000 Obstsorten gab es einmal in Deutschland. Ende des 19. Jahrhunderts waren noch 4000 bekannt. Dazu kamen lokale und Dorfsorten. „Heute sind es vielleicht noch 2000“, sagt Eckart Brandt. „Ganz genau weiß das keiner.“

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Wie viele er inzwischen in seinem „Boomgarden“ hat, weiß er dagegen ganz genau: 350 verschiedene alte Sorten, jeweils zwei Hochstammbäume von einer, Äpfel, Birnen, Süßkirschen, Pflaumen. Hier sind sie sicher, denn das Land gehört der Familie seiner Frau Judith Bernhard. Und der Boden passt. „Ein guter Geestboden“, sagt er. „Hier standen schon 50 Jahre alte Obstbäume.“ Selbstverständlich sammelt Eckart Brandt weiter. Denn noch will er sich nicht zur Ruhe setzen. Viel hat er vor in den nächsten Jahren: Ein Wohnhaus soll gebaut werden, am Rand des Gartens, achteckig, mit Grasdach. Und ein größeres Gebäude für Workshops, Verkauf. Sein „Apfeldom“, wie er es nennt. „Irgendwann muss meine Frau sich dann um alles kümmern. Die ist schließlich 16 Jahre jünger als ich“, sagt er lächelnd und beisst in einen Apfel. Wie es scheint, wird das wohl noch eine Weile dauern.

Baumpaten gesucht
Wer den Erhalt alter Obstsorten unterstützen möchte, kann die Patenschaft für einen Baum übernehmen. Für einen einmaligen Betrag von 150 Euro wird ein neu gepflanzter Obstbaum zehn Jahre lang fachgerecht gepflegt und versorgt. Infos dazu und zum Projekt unter http://www.boomgarden.de.
Äpfel alter Sorten zum Probieren können bestellt werden unter
http://www.boomgardenshop.de.

Rezepte zum Kochen und Backen in:
„Unser Apfelkochbuch“ von Eckart Brandt und Judith Bernhard (96 S., 7,99 Euro, Bassermann Verlag 2014)

Murphy Witt

Bildrechte: Siegmar Witt

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