Ruhestand unter Palmen: Träume leben – so kann es wirklich klappen

Raus aus dem Job, rein in die Rente, weg aus Deutschland. Davon träumen viele. Nicht nur für einen Urlaub die Koffer packen, sondern alle Zelte hier abbrechen und irgendwo neu aufschlagen. Oder zumindest mehrere Monate irgendwo überwintern – wo es immer warm ist, es sich billiger leben lässt, die Menschen nett und freundlich lächeln und das Meer fast bis vor die Haustür schwappt.

Doch wie realistisch sind solche Fantasien vom Ruhestand im Ausland? Was gilt es zu beachten, damit daraus kein Alptraum wird? LUCKY AGING hat darüber mit Rainer Hellstern gesprochen. Er betreibt seit 2008 „Auswandern-Handbuch.de“, einen populären Blog zum Thema Auswandern, und weiß aus vielen Kontakten ganz genau, wo Auslandsrentnern der Schuh drückt und was sie brauchen, um in der Ferne tatsächlich glücklich und zufrieden zu leben.

 

LUCKY AGING: Herr Hellstern, wenn ich meinen Ruhestand im Ausland verbringen möchte – welches sind die größten Hürden, die ich dafür nehmen muss?

RAINER HELLSTERN: Eine gute Vorbereitung ist natürlich immer unerlässlich. Es gibt im Vorfeld diverse Hürden zu überwinden, doch als die ganz großen Themen sehe ich die Finanzierung, die Krankenversicherung und das Visum.

LUCKY AGING: Also muss ich als erstes mal einen Kassensturz machen?

Rainer Hellstern

RAINER HELLSTERN: Richtig. Die Rente ist ja in den seltensten Fällen üppig. Deshalb muss man vor dem Auswandern oder Überwintern die zu erwartenden Kosten sehr genau kalkulieren. Im Ausland können die Lebenshaltungskosten unterschiedlich hoch ausfallen. Mancherorts lebt es sich günstiger als in Deutschland, mancherorts ist das Leben deutlich teurer. Zum Beispiel erreichen die Lebenshaltungskosten  in den südeuropäischen Urlaubsregionen in Frankreich und Spanien häufig ein ähnliches Niveau wie in Deutschland. Dagegen gelten Portugal und Bulgarien innerhalb Europas als günstige Ziele für den Langzeiturlaub. Sehr beliebt, aber extrem teuer ist die Schweiz. Dort ist ein Altersruhesitz eigentlich nur für wohlhabende Pensionäre und ehemalige Manager erschwinglich. Außerhalb der EU sind die USA – insbesondere der Sonnenstaat Florida – beliebt, doch der starke Dollar macht den Aufenthalt sehr teuer. Günstiger als bei uns lebt es sich in den fernen asiatischen Ländern wie Thailand. Ihre eigene finanzielle Situation muss immer zu den Lebenshaltungskosten passen, ansonsten haben Sie im Ausland keine Freude!

LUCKY AGING: Und wie sieht es aus, wenn ich krank werde?

RAINER HELLSTERN: Hinsichtlich der Krankenversicherung spricht vieles für Europa. Dank Sozialversicherungsabkommen ist auch in anderen europäischen Ländern eine medizinische Grundversorgung gewährleistet. Außerhalb Europas ist es schon deutlich komplizierter. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt grundsätzlich nichts. Der Abschluss einer privaten Auslandskrankenversicherung ist deshalb unbedingt empfehlenswert. Doch deren Prämien werden mit zunehmendem Alter immer teurer.

LUCKY AGING: Fürs europäische Ausland brauche ich außerdem
kein Visum, richtig?

RAINER HELLSTERN: Ja, bekanntermaßen herrscht in Europa Personenfreizügigkeit, und wir können uns problemlos in anderen EU-Ländern niederlassen. Außerhalb der EU ist das in der Regel deutlich komplizierter, und jedes Land hat ganz eigene Regeln. In Thailand gibt es beispielsweise ein spezielles Rentnervisum für Personen ab 50 Jahren. Für den Erhalt muss man allerdings ausreichende finanzielle Mittel nachweisen. Für die USA benötigt man die Greencard, und die gibt es nur für hochqualifizierte Berufstätige oder per jährlicher Lotterie. Daher dürfen sich die meisten deutschen Rentner nur temporär in den USA aufhalten. Nach maximal 90 Tagen am Stück müssen Sie erst einmal wieder ausreisen.

LUCKY-AGING: Woran scheitern die meisten Auslands-Rentner?

RAINER HELLSTERN: Viele kennen ihr Auswanderungs- oder Überwinterungsziel nur vom Urlaub. Ein beliebter Grund für den Ruhestand im Ausland ist das vermeintlich bessere Wetter. Doch auch anderswo gibt es saisonale Unterschiede und Jahreszeiten. Auf Mallorca ist es zum Beispiel im Winter oft kalt und regnerisch. Wer die Insel nur von den Sommerferien kennt, weiß das meist nicht. Auch der Alltag gestaltet sich häufig ganz anders. Unterschiede in der  Mentalität erlebt man im Urlaub am Hotelpool nur selten hautnah. Und dann kommt noch die Entfernung zu Freunden und der Familie hinzu, das kann auf Dauer schon zur Belastung werden.

LUCKY-AGING: Sind das die häufigsten Gründe für eine Rückkehr
nach Deutschland?

RAINER HELLSTERN: Auch die finanzielle Situation kann der Auslöser für die Rückkehr nach Deutschland sein. In den vergangenen Jahren war der Euro schwach, und da die Rente in Euro ausgezahlt wird, mussten manche Auslandsrentner außerhalb der EU teils massive Preissteigerungen hinnehmen. Wenn dann noch das Visum an eine gewisse Rentenhöhe gebunden ist wie etwa in Thailand, dann ist der Auslandsaufenthalt schneller vorbei, als man denkt. Aber natürlich können ebenso gesundheitliche Probleme mit zunehmendem Alter zur Rückkehr zwingen. Schließlich ist das soziale Netz anderswo häufig nicht so gut ausgebaut wie bei uns. Es ist also gut, wenn Sie im Vorfeld auf keinen Fall alle Brücken in Deutschland abbrechen.

LUCKY-AGING: Total oder Teilzeit? Welches Modell ist für wen am besten geeignet?

RAINER HELLSTERN: Generell würde ich jedem empfehlen, mit einem temporären Auslandsaufenthalt zu beginnen. Vor allem die Wintermonate bieten sich für einen Langzeiturlaub im Süden an. Auf den Kanaren, in Florida oder Thailand. Beim Überwintern können Sie hervorragend Ihre eigene Langzeit-Auslandstauglichkeit testen. Zudem bekommen Sie bei zeitlich begrenzten Aufenthalten in der Regel sehr einfach ein Touristenvisum. Allerdings gibt es bei dieser Variante einen Haken: Sie haben doppelte Kosten, wenn Sie gleichzeitig einen Wohnsitz in Deutschland und im Ausland finanzieren müssen. Aus Kostensicht sind daher viele gezwungen, sich langfristig auf einen Wohnsitz zu beschränken.

LUCKY-AGING: Was ist im Augenblick der beste Geheimtipp für einen unbeschwerten Ruhestand im Ausland?

RAINER HELLSTERN: Eine gewissenhafte Vorbereitung und Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen im Zielland ist unerlässlich. Von daher rate ich niemand, aufgrund eines vermeintlichen Geheimtipps den Umzug ins Ausland wagen!

LUCKY-AGING: Wem würden Sie generell abraten, ins Ausland zu gehen?

RAINER HELLSTERN: Jeder sollte sich im Vorfeld einige Fragen stellen, zum Beispiel: Wie auslandserfahren bin ich? Wie sieht es mit meinen Sprachkenntnissen, meinen Finanzen und meiner Gesundheit aus? Erfülle ich die Anforderungen, um ein Visum zu erhalten? Wer noch nie ein Land besucht hat und nur aufgrund von Berichten aus dem Freundeskreis oder den Medien sein neues Zuhause dort finden möchte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern.

LUCKY-AGING: Und wer ist wie geschaffen für einen Ruhestand im Ausland?

RAINER HELLSTERN: Wer weltoffen ist, die Sprache des Gastlands ein wenig spricht, vielleicht schon einige Jahre im Ausland gelebt hat oder bereits seit 20 Jahren regelmäßig seine Urlaube dort verbringt, der erlebt deutlich weniger Überraschungen. Zudem gilt immer, das kann ich nur wiederholen: Die eigene finanzielle Situation muss zu den Lebenshaltungskosten im Zielland passen!

 

Mehr Ausland:  Mehr  zu den Feinheiten des deutschen Rentensystems, zum Bezug von Ruhegeld im Ausland, zu Krankenversicherung, Steuern und zur Wahl des richtigen Altersdomizils finden Sie in Rainer Hellsterns „Das Handbuch zur Rente im Ausland. Den Ruhestand im Süden genießen“ (204 S., Books on Demand 2015, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-7386-2010-8).  Mehr Infos unter http://www.auswandern-handbuch.de/handbuch-rente-im-ausland/

 

 

 

 

 

 

 

Zahlreiche weitere Infos und Checklisten auch auf http://www.auswandern-weltweit.info und https://usatipps.net/auswandern-usa/

Murphy Witt

Bildrechte: Siegmar Witt, Rainer Hellstern

Ein Kommentar zu “Ruhestand unter Palmen: Träume leben – so kann es wirklich klappen”

  1. Michael Kuhn

    Ausgezeichnetes Interview.
    Wir von Vita Asia (www.vitaasia.de) teilen die Antworten von Herrn Hellstern weitesgehend. Wir haben die selben Erfahrungen mit unseren Kunden, die es nach Thailand zieht, gemacht.

Schreiben Sie uns doch einen Kommentar.

Ihre eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Theme designed by pannasch.net