Hilfe, ich bin gesund!

 

„Na, wie geht’s?“ Manchmal fürchte ich diese harmlose Begrüßungsfrage fast. Ist sie doch immer häufiger der Auftakt zu ausführlichen Berichten über körperliche und seelische Zipperlein jeder Art. Denn sobald ich ein wahrheitsgemäßes „Gut geht’s mir“ über die Lippen gebracht habe, brechen beim Gegenüber alle Dämme und über mich ergießt sich ein Schwall von Unpässlichkeiten und Störungen der Befindlichkeit. Und obwohl es glücklicherweise meist nichts Ernstes ist, wird alles en detail seziert und ausgebreitet. Nachdem ich kürzlich fast eine Stunde mit einer Freundin telefoniert hatte und es dabei ausschließlich um (ihre!) Krankheiten ging, habe ich mich wirklich gefragt: Muss das in unserer Altersgruppe so sein? Bin ich noch normal?

Ich traue mich gar nicht, es zu sagen: Ja, es geht mir gut! An vielen Tagen sogar sehr gut. Klar zwickt’s auch bei mir mal an der einen oder anderen Stelle. Ab und zu ist auch etwas Ibuprofen nötig. Und morgens dauert es schon manchmal etwas länger, bis ich so richtig in Bewegung komme. Aber ist das ein Grund zum Jammern? Ich denke nicht. Ich habe kein schweres Leiden, muss nicht täglich fünf verschiedene Medikamente nehmen und kann immer noch eine Nacht durchtanzen, wenn die Party gut ist (link). Ich kenne meinen Körper inzwischen so gut, dass ich weiß, wie ich mir in bestimmten Situationen selbst helfen kann, welche Dehnung oder Yogaübung meinem Rücken gut tut, wenn er sich mal gar nicht recht aufrichten möchte, und was ich besser auf dem Teller lasse, weil es mir nicht bekommt. Und natürlich spüre ich auch, wenn ich meinen Körper und meine Bedürfnisse ignoriere, sie beiseite schiebe. Dann muss ich mich nicht wundern, wenn’s mir nicht gut geht. Lebenserfahrung. Angesammelt in mehr als 50 Jahren. Ein Schatz, der mich tragen kann, auch wenn es mal schwieriger werden sollte. Hoffe ich wenigstens.

Schade, dass anderen ein solcher Schatz offenbar fehlt. Sonst müssten sie nicht ständig über ihr Befinden jammern. Oder Dinge tun, obwohl sie eigentlich wissen müssten, dass sie ihnen schlecht bekommen. Rauchen nach einem Herzinfarkt zum Beispiel oder Alkohol in Mengen trotz hohem Blutdrucks. Sie hätten ein persönliches „Erste-Hilfe-Rituale-Set“ parat, könnten besser für sich selbst sorgen und sich gezielt das gönnen, was Körper, Geist und Seele gut tut. Gespräche gehören sicher oft dazu. Lachen, vor allem Lachen. Und Telefonate mit Freunden – aber auch über nette Dinge des Alltags statt ausschließlich über Bagatellerkrankungen. Vielleicht ist das „Na, wie geht’s?“ dann auch endlich wieder mehr als eine Floskel.

„Das Glück beruht oft nur auf dem Entschluss, glücklich zu sein.“

Lawrence George Durell

Murphy Witt

Bildrechte: Fotolia/nuzza11

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