Aufbruch und Hoffnung: Der Fotograf vom Tahrir Platz

 

„Das Bild geht mir immer noch sehr zu Herzen.“ Dr. Jochen Rebelsky  zeigt auf eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. „Das habe ich gemacht, nachdem der Platz wieder einmal geräumt wurde. Über Nacht wurde alles abgerissen und niedergebrannt. Und die Menschen sitzen da und können es immer noch nicht fassen.“  Der Platz, von dem der Geophysiker und ambitionierte Hobbyfotograf spricht, liegt mitten in Kairo. Der Tahrir Platz, der „Platz der Befreiung“. Der Ort, der zu einem Symbol im arabischen Frühling wurde. Zweieinhalb Jahre lang ist Jochen Rebelsky in unregelmäßigen mit seiner Kamera dorthin gegangen, über 6000 Aufnahmen hat er dort gemacht, die eindrucksvollsten davon zeigt er in einer Ausstellung. „Aufbruch und Hoffnung“ nennt er sie.

Fünf Jahre ist es jetzt her, da herrschte auf dem Platz Aufbruchstimmung. Am 25. Januar 2011 beginnt die Revolution in Ägypten, am 11. Februar stürzt der damalige Präsident Muhammad Husni Mubarak. Immer wieder sind es Bilder vom Tahrir Platz, die wir Abend für Abend auf dem Bildschirm sehen, meist Bilder voller Gewalt und Blut. Auch Jochen Rebelsky sieht sie im Fernsehen, in Hamburg. Der deutsche Konzern, für den er seit Jahren in Ägypten arbeitet, hat seine Mitarbeiter gleich zu Beginn der Unruhen ausgeflogen. Mitte März ist der gebürtige Würzburger zurück in Kairo. Am 1. April 2011 mischt er sich das erste Mal unter die Menschen auf dem Platz. „In der Firma hieß es, wir Ausländer sollten dort nicht hingehen. Aber irgendwann habe ich beschlossen, dass ich alt genug bin, um selbst zu entscheiden, was ich tue“, sagt Jochen Rebelsky.

Außerdem liegt der Platz für ihn praktisch auf dem Weg zu seiner Fotoschule. Seit 2009 widmet er sich in seiner Freizeit intensiv der Fotografie, in Kairo besucht er regelmäßig verschiedene Kurse dieser Schule. Das CIC, Contemporary Image Collective, liegt mitten in der City und die U-Bahnstation ‚Saddat‘, direkt unterhalb des Tahrirplatzes, ist seine Haltestelle, wenn er aus dem Vorort kommt in dem er wohnt. „Wenn ich gesehen habe, dass sich auf dem Platz etwas tut, bin ich am Freitag wieder hingegangen, um Bilder zu machen“, erzählt Jochen Rebelsky. Ab und zu trifft er dort andere aus seiner internationalen Fotoklasse, auch mal zwei Frauen, die er aus seinem Geschäftsumfeld kennt. Aber meist streift er mit seiner Nikon allein durch die Gegend. In der Fotoschule bekommen die Teilnehmer Themen gestellt, die sie bearbeiten sollen, losgehen sollen sie, raus auf die Straße, kleine Geschichten erzählen. Jochen Rebelsky verfolgt daneben sein eigenes Projekt.

„Ich habe keine Gewalt, keine brutalen Szenen fotografiert“, sagt er. „Im Gegensatz zu dem, was im Fernsehen gezeigt wurde, gab es auch anderes zu dokumentieren. Der Tahrir war ein Platz der Kommunikation, ein Treffpunkt für die Menschen. Ganze Familien sind dort hin gegangen, junge und alte Leute, haben diskutiert, geredet, gebetet und um diejenigen getrauert, die für die Revolution gestorben sind. Sie haben ihre Zelte aufgebaut, haben dort geschlafen, gelebt und auf Grafittis und Plakaten das zum Ausdruck gebracht, was sie bewegt und was sie sich für die Zukunft Ägyptens erhoffen. Auch das war der Tahrir Platz. Das wollte ich zeigen.“

Natürlich weiß Jochen Rebelsky, dass dort nicht nur friedlich demonstriert wird. Im Laufe der Zeit beobachtet er sehr genau, wie sich die Machtverhältnisse verschieben, dass Kriminalität, Gewalt und Übergriffe auf Frauen zunehmen, dass die Stimmung mehr und mehr polarisiert und die Lage eskaliert, dass es immer wieder Tote gibt. Angst habe er nie gehabt, sagt er. Doch Straßenkampf ist nicht sein Thema. Und wenn Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt werden und Autoreifen vor der amerikanischen Botschaft brennen, packt er die Kamera ein und geht. „Ich musste mein Geld ja glücklicherweise nicht mit solchen Aufnahmen verdienen. Und nachdem der Platz 2013 geräumt war und nur noch Panzer darauf standen, bin ich gar nicht mehr hingegangen. Da hatte ich keine Lust mehr dort zum Fotografieren.“

Inzwischen ist Jochen Rebelsky zurück in Hamburg, im Ruhestand. Statt zusammen mit zwei weiteren Kollegen zum Abschied eine Party zu feiern, hat er das Geld, das die Firma dafür bereit gestellt hat, „Health and Hope Oasis“ gespendet, einem Erholungsheim für krebskranke Kinder in Wadi El Natroun, etwa 100 Kilometer nördlich von Kairo. Das unterstützt er auch weiterhin. Auch dort hat er fotografiert. Ein anderes Projekt. Demnächst will er nach Costa Rica, eine Sprachschule besuchen und Spanisch lernen, bei Privatleuten wohnen und dann durchs Land fahren. Und natürlich fotografieren. „Aber keine Sandstrandfotografie“, betont er. Die kann man sich bei ihm auch kaum vorstellen. Nach dem Tahrir Platz sind Sonnenuntergänge am Meer wirklich kein lohnenswertes Motiv für ihn.

 

Spenden willkommen: Infos zum Heim für krebskranke Kinder gibt es unter
www.hhoasis.org oder direkt bei Dr. Jochen Rebelsky, E-mail: jo.rebelsky@gmx.net

Murphy Witt

Bildrechte: Dr. Jochen Rebelsky

Ein Kommentar zu “Aufbruch und Hoffnung: Der Fotograf vom Tahrir Platz”

  1. Nagiya

    u very good man jochen rebelesky,
    All the best to u.

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