Kunst statt Ruhestand: Alles ist Indigo

„Nimm doch noch ein bisschen Indigo. Das war damals ein geflügeltes Wort, wenn ein Bild mit zarten Wasserfarben etwas zu blass aussah.“ Helmi Wüst lacht noch heute darüber. Damals, das war 2005, als die gerade frisch pensionierte Grundschullehrerin sich einem Aquarellkurs in der Volkshochschule anschloss. Inzwischen hat der harte Kurskern den nach dem Spruch benannten „Kunstkreis Indigo“ gegründet. Und Helmi Wüst hat sich nicht nur selbst künstlerisch weiter entwickelt, sondern auch zur Eventmanagerin gemausert. Die nächste Aktion findet am 21. April statt: die Frühjahrsausstellung „Raritäten“ im „Feierscheier“ in Mainz-Ebersheim. Auf dem Plakat eine überhaupt nicht blasse Arbeit von Helmi Wüst.

kelsterbach Kopie

„Kunst und Malerei waren schon immer meine Leidenschaft“, erzählt die agile 71-Jährige mit dem blonden Pagenschnitt. „Ich hätte das gern studiert. Aber mein Vater war Finanzbeamter, der hielt gar nichts davon. Er wollte, dass ich Steuerberaterin werde. Da wäre ich todunglücklich geworden.“ Stattdessen wird Helmi Wüst Lehrerin an einer Grundschule, eine „pädagogische Zehnkämpferin“ wie sie sagt. So wie sie mit den Kindern liest und rechnet, malt sie auch mit ihnen, organisiert und betreut viele kreative Schulprojekte, aber ihre eigene künstlerische Tätigkeit bleibt auf der Strecke. Zwischen Job, Haus, Garten und eigenen Kindern ist einfach keine Zeit mehr – bis sich nach der Pensionierung neue Freiräume öffnen. Da kommt der Aquarellkurs gerade recht. „Das war meine mediterrane Phase“, sagt Helmi Wüst. „ Zypressen, Pinien, Landschaften und Farben, die an die Toskana erinnerten. Das waren meine Anfänge.“

Die Volkshochschule hat sie inzwischen verlassen. Mittlerweile malt Helmi Wüst nicht allein gegenständlich, sondern auch abstrakt. Sie besucht die private Malschule einer Architektin und Kurse in der Kunst-Sommerakademie in Oppenheim. Längst arbeitet sie mit verschiedenen Techniken, mischt ihre Aquarellfarben mit Acryl und Pastellkreide, fügt collagenartig unterschiedliche Materialien und Fotoausschnitte hinzu, setzt Wachs und Farbpigmente bei Enkaustik ein. „Ich war immer sehr neugierig und habe viel experimentiert“, erzählt sie. „Besonders reizen mich Strukturen. Da probiere ich gern was Neues aus.“ Bauspachtel mag sie zum Beispiel sehr. Ihr heißer Tipp als „Spachtelmasse“ ist jedoch weiße Zahnpasta. „Geht man da mit Aquarellfarben drauf, reißt der Untergrund wunderbar auf. Die feinen Risse sehen fast aus wie Krakelee auf alten Ölgemälden.“ Helmi Wüst ist begeistert, ihre Augen strahlen. Endlich kann sie ihre Leidenschaft leben.

Auch im „Kunstkreis Indigo“, den sie im November 2008 mit sechs anderen Mitstreitern gründet, ist sie von Anfang an im Vorstand aktiv. Vier Veranstaltungen im Jahr organisiert sie mit: eine Frühjahrsausstellung der in der Gruppe – inzwischen sind es 58 Mitglieder – entstandenen Bilder mit Weinausschank eines regionalen Winzers, einen Kunstausflug, ein Konzert und einen zweitägigen Markt im Oktober, auf dem 20 bis 25 Künstler und Kunsthandwerker ihre Werke anbieten und auf dem selbstverständlich ebenfalls für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt ist. 2013 hat sie zusammen mit anderen Kunstkreis-Mitgliedern sogar eine graue Mauer in Ebersheim in ein farbenfrohes Kunstwerk verwandelt. „Dieser Ort war völlig kunstlos“, sagt Helmi Wüst. „Unser Angebot wird deshalb gern angenommen. Es würde etwas fehlen, wenn es das nicht mehr gäbe.“

Auch ihr würde die Kunst fehlen, das gibt sie offen zu – auch wenn es ihr ab und zu etwas viel wird und sie gern allmählich in die zweite Reihe zurücktreten, nur noch ihre eigenen Kunstprojekte verfolgen würde. „Aber beides macht mir einfach Spaß. Und es ist eine ständige Herausforderung“; sagt Helmi Wüst. „Das hält mich gesund und fit. Ich fühle mich jünger, als ich bin. Ich komme gar nicht dazu, ans Älterwerden zu denken.“ Das glaube ich ihr gern, wenn ich sie so ansehe. Und schon berichtet sie wieder von den letzten Vorbereitungen für die kommende Ausstellung: Extra ein Bild hat sie dafür gemalt, weil eine ehemalige Schülerin von ihr einen alten Wein, den Roten Riesling, zu neuem Leben erwecken möchte und sie dieses Projekt gern unterstützt. Schließlich würde das doch gut zum diesjährigen Titel passen: „Raritäten“. Da blitzt sie wieder auf, Helmi Wüsts Liebe für das Besondere, das Außergewöhnliche, das Kreative, von Ruhestand keine Spur.

Mehr zum „Kunstkreis Indigo“ und seinen Terminen unter http://www.kunstkreis-indigo.de

 

Murphy Witt

Bildrechte: Helm Wüst, Herbert Streck

3 Kommentare zu “Kunst statt Ruhestand: Alles ist Indigo”

  1. Armgard Müller-Kicherer

    Ihr Bericht über Indigo und Fau Wüst hat mir sehr gut gefallen, vor allem die Lebendigkeit und die Lebensfreude von Frau Wüst kam gut zum Ausdruck! Sie war es auch, die mich mit meiner „Eßbaren Kunst“ zum Indigo -Markt geholt hat, das macht jedes Mal Spaß!
    Ihr Blog ist sehr interessant, ohne Frau Wüst hätte ich ihn nicht kennen gelernt! Ich werde weiter dran bleiben!

    1. Murphy Witt

      Vielen Dank! Ich freue mich sehr, dass Ihnen mein Blog gefällt. Viel Spaß weiterhin beim Lesen und natürlich mit Ihrer Kunst.
      Herzliche Grüße.

  2. Heide Hiltscher

    Zuerst einmal möchte ich ein paar Feedbacks von Freunden weiterleiten:
    B.: Ich beneide Deine Schwester, für das was Sie alles macht. Diese Energie und Kreativität hätte ich auch gerne …
    M. schreibt: „oh ja das hört sich interessant an. Sind tolle Bilder und schöne
    Farben:-) Kannst stolz auf Deine Schwester sein“

    Natürlich bin auch ich ein Fan der Kunst von Frau Wüst.
    Nicht nur die Experimentierfreude, die sich in der Wahl der Materialien und der Motive ausdrückt, der Mut auszubrechen aus Vorgegebenem,
    die exakte Umsetzung Ihrer Ideen, sondern auch die Ergebnisse begeistern.

    Umso mehr freue ich mich, dass Sie mit Ihrem Blog eine Plattform geschaffen haben, den bisherigen Bekanntheitsradius
    „Junggebliebener“ und Ihrer Skills zu erweitern.
    Damit liefern Sie wertvolle Anregungen, Motivation und Ansporn die eigenen Ideen zu verwirklichen und etwas zu bewegen!

    Heide Hiltscher

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