Leise Armut

 

„Haben Sie vielleicht 50 Cent für mich?“ Ihre Stimme ist so leise, dass ich sie kaum verstehen kann. Klein und blass steht sie vor mir. Eine Frau ungefähr in meinem Alter, kurze Haare, glatt und blond, heller Mantel, dunkle Hose, über der Schulter eine Tasche. Unauffällig zwischen den morgendlichen Reisenden am Münchner Hauptbahnhof. „Ich bin seit kurzem wohnungslos“, sie flüstert es fast. Es ist ihr unangenehm. Als ich mein Portmonee raus hole, ist es uns beiden peinlich.

Armut ist schon lange kein Dritte-Welt-Problem mehr. Auch wenn wir in unseren gut situierten Wohn- und Arbeitsverhältnissen mit kuschelig-warmer Heizung und Urlaubsplanung das gern verdrängen. Armut ist mitten unter uns, in den Großstädten wie auf dem flachen Land und das nicht erst, seit Flüchtlinge zu uns kommen. Vor allem ältere Frauen trifft sie immer häufiger mit gnadenloser Härte. Jobverlust, Minirenten, Scheidung. Der Absturz aus einer sparsamen, aber zufriedenstellenden Kleinbürgerlichkeit hinab in verzweifeltes Sich-über-Wasser-halten ist nicht selten. Bundesweit sind laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung mehr als 16 Prozent aller Frauen über 65 armutsgefährdet. Leben sie allein, ist das Risiko noch höher. Und oft schämen sie sich zutiefst dafür.

Auch ich schäme mich. Dafür, dass mir der Anblick der Flüchtlingslager das Herz zerreißt, ich aber im Alltag oft keinen Blick für Menschen wie diese bescheidene Frau habe. Dafür, dass ich häufig weiter durch mein privilegiertes Leben hetze, statt mir Zeit für genaueres Hinschauen und vor allem fürs Helfen zu nehmen. Dafür, dass ich mit Luxusproblemen hadere, statt dankbar dafür zu sein, wie gut es mir geht. Dafür, dass es in unserem trotz allem reichen Land noch immer nicht so selbstverständlich ist, allen, die bedürftig aussehen, etwas in die Hand zu drücken. Ganz selbstverständlich zu geben wie in Asien und allen, denen es nicht so gut geht wie uns, ein Quäntchen Mitmenschlichkeit entgegen zu bringen.

Die Frau steckt mein Geld in die Manteltasche. Schnell dreht sie sich um und verschwindet zwischen den Massen. So lange ich sie sehen kann, schaue ich ihr hinterher. Sie hinkt leicht, geht etwas schief. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen. In Gedanken wünsche ich ihr Glück. Für den heutigen Tages, für den Rest ihres Lebens.

 

„Wir sind nur ein kleines Teilchen eines Ganzen,
aber jeder hat eine unendlich große Verantwortung.“

Konrad Lorenz

 

 

Murphy Witt

Bildrechte: Fotolia/Franz Massard

2 Kommentare zu “Leise Armut”

  1. klebefolie

    Finde es schlimm, dass es Armut auf der Erde gibt. Das muss ein Ende haben. Da muss jeder mit anpacken und ich denke, dass dies bewusst nicht gemacht wird von einigen Menschen.

    Gruß Anna

  2. Murphy Witt

    Danke für diesen Kommentar. Um so dringender ist es meiner Meinung nach, dass wir alle versuchen, wo und wann immer es möglich ist, andere zu unterstützen und Missstände zu lindern.
    Herzliche Grüße, Monika Murphy-Witt

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