Myanmar-Ballonfestival: Geburtstagsparty mit Hunderttausenden

MyanmarWas für eine Party! Das Essen ist etwas schlicht, und Cola habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr getrunken. Aber geschmeckt hat der Bratreis aus der Garküche doch, und meine Knochen werden den einmaligen Phosphatangriff bestimmt verzeihen. Dafür ist der Beat fantastisch. Der Rhythmus geht direkt in Herz und Hirn, jede meiner alten Zellen schwingt fröhlich mit. Und die Menschen sind einfach umwerfend. Lebendig, freundlich, strahlend. Heute gibt es keine Geschichten von Bandscheibenvorfällen, kein Gemäkel am Büffet wegen Laktoseunverträglichkeit, keine schmallippigen Bemerkungen über zickige Freundinnen wie bei Feiern zu Hause. Heute gibt es einfach nur eine gigantische Party. Beim Hot Ballon Festival in Taunggyi, mitten in Myanmar.  Einen Geburtstag mit Hunderttausenden. Meinen 60. Geburtstag!

Schon lange wollte ich nach Myanmar reisen, das viele immer noch „Birma“ nennen wie Amitav Ghosh in seinem großen Roman „Der Glaspalast“. Seit ich das Buch vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen hatte, spukte dieses Land in meinem Kopf herum und nährte die Sehnsucht. Die Militärdiktatur hielt mich von einer Reise ab. Doch als sich vorsichtig politische Veränderungen abzuzeichnen begannen, bekam auch mein Wunsch neuen Auftrieb. Dann las ich von den Lichterfesten, die jedes Jahr zum Novembervollmond in den Klöstern des ganzen Landes gefeiert werden, und entdeckte auf dem Kalender, dass mein Geburtstag, dieser besondere runde Geburtstag, in diesem Jahr genau auf diesen Tag fallen würde. Wenn das keine Einladung war! Am 15. November saßen wir im Flugzeug Richtung Yangon.

Nun also Taunggyi. Schon ab der Stadtgrenze steckt unser Auto im Stau. Stop-and-go auf 1500 Meter Höhe in den Shan-Bergen etwa 50 Kilometer entfernt vom Inle-See mit seinen weltweit bekannten fotogenen Einbein-Ruderern. Stoßstange an Stoßstange, Pick-ups, Kleinbusse, Vans, alle vollgestopft bis unters Dach mit Menschen, Decken, Tüten und Kartons. Wo wollen die alle hin?

Erst langsam dämmert es uns: Wir sind bereits mitten drin in den Tazaungmon-Feierlichkeiten. Und dieses Lichterfest hat so gar nichts mit dem zu tun, was wir Westeuropäer uns in unseren romantisch-spirituellen Fantasien darunter vorstellen. Nach Stille und klingenden Glöckchen werden wir hier vergebens suchen. Berühmt ist es inzwischen, das Taunggyi Hot Balloon Festival, bis weit über die Grenzen Myanmars hinaus bekannt. In der Provinzhauptstadt mit rund 200 000 Einwohnern drängen sich in dieser Zeit mindestens ebenso viele Besucher. Menschenmassen verstopfen alle Straßen und Gassen. Hier ist Trubel, laute Musik, ausgelassene pure Fröhlichkeit. Hier tobt das Leben. Wie gut, dass wir ein Bett für die Nacht haben.

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Wir steigen aus, gehen zu Fuß weiter, schlängeln uns zwischen der hupenden und Abgase ausstoßenden Blechlawine vorwärts, schieben uns am Straßenrand zusammen mit herausgeputzten Familien weiter. Alles strebt in eine Richtung. Auf einmal sind wir mitten in einem Umzug. Um uns herum Menschen aus unterschiedlichen Ethnien in farbenfrohen Trachten. Sie bringen Spenden für die Mönche der umliegenden Klöster zu einer großen Halle. Dorfgemeinschaften, Bewohner einer Straße, Schulklassen, Betriebe, alle haben gesammelt, Geld, Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände vom Besen bis zur Waschmaschine, vieles auf Holzgestellen kunstvoll drapiert. Und alle singen, tanzen, trommeln bei dieser gabenreichen Prozession, geben freudig mit vollen Händen. Das „Lieblingsvolk Buddhas“, wie die Birmanen sich selbst nennen, ist an Spendenfreudigkeit kaum zu übertreffen. Aber „Dana“, die Freigebigkeit der Buddhisten, bringt auch fünffachen Segen: Ein uneigennütziger Geber ist beliebt, trifft andere großherzige Menschen, erwirbt sich einen guten Ruf, gewinnt Selbstbewusstsein und eine himmlische Wiedergeburt. Die strahlenden Gesichter um uns herum lassen keinen Zweifel daran.

Endlich haben wir es geschafft. Wir sind auf dem Festgelände. Eine Mischung zwischen Jahrmarkt, Open-Air-Disco, Messe und Markt. Neben Promotion-Pavillons für Nescafé, Bier und antibakterielle Seife verkaufen Händler T-Shirts und Töpfe an Familien. Handyanbieter, Lifeauftritte von angesagten Bands und DJ-Clubs locken Jugendliche. Dazwischen Schlangenbeschwörer, Obstverkäufer und traditionelle Teestuben.

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Auf zwei hölzernen Riesenrädern klettern junge Männern in Flip-Flops herum. Wie Spiderman hangeln sie sich flink von einer Strebe zur nächsten bis ganz nach oben. Ist das hier erlaubt? Am Ende ist das eine Mutprobe, ein Ritual dieses Festes? Gebannt verfolgen wir die wagemutigen Turner. Wie Fliegen in einem Spinnennetz hängen sie jetzt im Gestänge der Räder. Plötzlich kommt Bewegung in die Kletterer. Einer nach dem anderen schwingt sich von seinem Platz an einen anderen, weiter und weiter. Eine geheime Choreografie. Die Räder drehen sich, schneller und schneller. Die Menschen in den Gondeln juchzen. Dann springt der erste Kletterer ab, aus schwindelnder Höhe, landet geschickt auf der Erde. Einer nach dem anderen folgt. Die Räder verlieren allmählich den Schwung. Endlich haben wir es begriffen: Ohne ihren menschlichen Motor gibt es keine neue Runde.

MyanmarAuf einmal ist es dunkel. Die Sonne verschwindet hier schnell. Und jetzt sehen wir sie: die ersten echten Lichter. Ein großer Heißluftballon wird für den Start vorbereitet. Umringt von Neugierigen entzünden die Erbauer hunderte von Kerzen in kleinen Laternen. Eine Unaufmerksamkeit, ein zu heftiger Windzug und die Arbeit von drei Monaten geht in Flammen auf. Aber alles geht gut. Endlich ist es so weit. Der Ballon entfaltet sich, und ganz langsam erhebt er sich dicht neben uns in die Luft, schwebt höher und höher über die Menschenmassen, auf seinem „Schwanz“ aus Bambusstangen leuchtet ein Motorrad. Die 2000 Dollar des Sponsors sind gut angelegt.

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Früher waren es die Mönche der Sula Muni Pagode, die zum Novembervollmond kleine mit Kerzen erleuchtete Ballons aus speziellem Shan-Papier in den Himmel schickten. Als Opfer für das Heiligtum dort oben, das Pendant zum Tempel am Rand der Stadt. 1941 ließ erstmals einer der Mönche einen größeren Ballon aufsteigen. Das stachelte andere an. Der Wettstreit war eröffnet. Seit 1953 gibt es ihn offiziell. Belegschaften von Betrieben, Dorfgemeinschaften, Sportmannschaften, Studentengruppen – aus ganz Myanmar kommen sie inzwischen, um ihre selbst konstruierten Ballons gen Himmel zu schicken. Die Mönche sind heute nur noch Zuschauer, die bei den besten Kreationen ihre Smartphones zücken.

Jetzt kommt Bewegung in die Massen. „Firework“ heißt die geraunte Zauberformel. Sie flösst auch uns Respekt ein. Zusammen mit vielen anderen schieben wir uns raus aus dem inneren Kreis der Akteure weiter zum Rand des Startplatzes, weg von dem Ballon, der als nächstes aufsteigen soll. Denn der hat keinen Lichterschwanz im Schlepptau, mit ihm geht eine ganze Kiste Feuerwerk in die Luft, unzählige Raketen, die eine nach der anderen explodieren sollen. Ein falscher Handgriff, eine ungünstige Windböe und die Katastrophe ist da. Im vergangenen Jahr soll es sogar Tote gegeben haben, als ein solcher Ballon nicht startete und seine 4000 Dollar teure Fracht in Bodennähe mitten zwischen den Zuschauern explodierte.

Doch heute gibt es keine Probleme. Ein Bilderbuch-Start. Senkrecht steigt der Ballon in die Höhe, dem Himmelstempel entgegen, und kurz vor Mitternacht schickt er minutenlang einen Funkenregen als letzten Gruß zu uns hinunter auf die Erde. Welch unvergesslicher Ausklang für einen 60. Geburtstag.

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„Aus der Fülle des Herzens leben,
ist das ganze Geheimnis des Lebens.“

Ricarda Huch

 

Infos: Reisen nach Myanmar, auch zum Taunggyi Hot Balloon Festival, organisiert a&e erlebnis:reisen aus Hamburg, www.ae-erlebnisreisen.deIn der Nähe des Festplatzes liegt das neue Royal Taunggyi Hotel, Mail: royaltaunggyihotel@gmail.com. Kenner der Region ist Nay Win (lizensierter Guide), Mail: naywin983@gmail.com

2 Kommentare zu “Myanmar-Ballonfestival: Geburtstagsparty mit Hunderttausenden”

  1. Helmi Wüst

    Liebe Frau Murphy-Witt,
    mit Begeisterung habe ich auf Ihrer Lucky-Aging-Seite gestöbert!Das Ballon-Fest in Myanmar hat mich fasziniert! Da hatten Sie wirklich einen schönen Geburtstag! Alle Ihre Themen interessieren mich und die kurzen, treffenden Berichte lesen sich sehr angenehm und sind abwechslungsreich.Ich werde öfter mal reinschauen und die Seite weiter empfehlen.Besonders die passenden und lebensnahen Zitate unter den Artikeln sind sehr interessant.
    Ich habe heute die Chronik unseres Kunstvereins auf Vordermann gebracht, das war Stress, aber positiver! Meine Bilder für die Ausstellung sind glücklicherweise fast fertig und der Frühling im Garten kann kommen.
    Ich freue mich, dass wir uns kennen gelernt haben und grüße Sie aus Mainz
    Helmi Wüst

    1. Murphy Witt

      Vielen Dank, liebe Frau Wüst. Ich freue mich, dass Ihnen mein Blog und dieser Beitrag gefallen. Myanmar ist einfach ein ganz besonderes, sehr faszinierendes Land. Ich werde bestimmt noch mehr von dieser Reise berichten.
      Herzliche Grüße, Monika Murphy-Witt

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