Schluss mit der Spiegelfechterei!

diet mela„Vor ein paar Tagen bin ich an einem Schaufenster vorbeigegangen“, erzählt gestern Abend beim Essen Freundin Martina, 52. „Wer ist denn die Frau da drin, fragte ich mich. Wie sieht die denn aus? Und wie die geht… Plötzlich schoss es mir durch den Kopf: Das bist ja du!“ Seitdem würde sie sich doch sehr genau im Spiegel angucken. Und sich ganz bewusst neu entdecken. Ihr Selbstbild überprüfen.

Ertappt, denken wir anderen, die am Tisch sitzen. Wieder eine, die auf die Charmoffensive ihres Gehirns reingefallen ist. Nur zu gern vernebelt es unseren Blick auf Fältchen und Pfunde und gaukelt uns vor, noch immer so jung und knackig auszusehen wie vor 30 Jahren. Kommt dann die richtige Musik ins Spiel, fühlen wir uns wieder so beschwingt wie beim Abiball. Kein Zwicken im Rücken, kein Fersensporn hindert uns daran, gepusht von einem zufrieden-optimistischen Selbstbild durchs Leben zu schweben.

Schon winzige Reize reichen, wie Psychologen und Hirnforscher wissen, um unsere Neuronen so zu stimulieren, dass wir uns anders einschätzen als noch zwei Minuten vorher. Unser Selbstbild ist ein Filou, wankelmütig, leicht manipulierbar und manchmal etwas überheblich. Und wir? Wir lassen uns gern ein wenig von ihm blenden und neigen nicht selten dazu, uns selbst zu überschätzen. Oder zumindest die Spuren der Zeit etwas zu verklären. So haben wir oft ein jüngeres Ich vor unserem inneren Auge als das, was uns aus dem Spiegel heraus tatsächlich anschaut.

Aber ist das wichtig? Was ist so schlimm daran, dass wir uns vielleicht ab und zu schwungvoller in Szene setzen als es unserem Alter entsprechen würde? Dass der rote Lippenstift oder ein buntes Blumenkleid eventuell bei einigen Mitmenschen verständnislos eine Augenbraue hochschnellen lässt? Na und! Haben wir es nötig, uns nach oft fragwürdigen Maßstäben anderer, gar Jüngerer, beurteilen und in Schubladen einsortieren zu lassen? Muss uns interessieren, was andere von uns denken und halten?

Keineswegs! Letztendlich geht es doch immer nur darum, wie wir uns selbst erleben, wie wir uns wohl und richtig fühlen. Ob wir zufrieden, entspannt und glücklich sind. Das allein sollte unser Maßstab sein, an dem wir unser Selbstbild messen. Die Meinung der meisten unserer Mitmenschen kann uns ebenso schnuppe sein wie zweifelhafte Schönheitsideale und fragwürdiges Streben nach Jugendlichkeit. Diesen Luxus der reiferen Jahre sollten wir uns gönnen – ohne Wenn und Aber. So wie wir sind, so sind wir wunderbar.

Statt uns von einem Spiegelbild verunsichern zu lassen, tun wir gut daran, hinter die blanke Fläche zu schauen. Statt allein unseren nicht mehr taufrischen Körper zu bewerten, sollten wir unsere mit den Jahren gewachsene Lebenserfahrung und soziale Kompetenzen in die Waagschale werfen. Dann gelingt es garantiert, bissige Kommentare gelassen abprallen zu lassen und eher auf wertschätzendes Feedback zu hören. Denn viel wichtiger als der Blick in den nächsten Spiegel ist letztendlich doch, wie wir uns selbst als Mensch sehen und wie wir die Welt um uns herum betrachten. Und da sollten wir es mit Franz Kafka halten:

„Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“

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