Gemüsegarten hinterm Schloss: Die Herrin der Kohlköpfe

Normandie

„Bonjour, ich bin die Schlossherrin.“ Strahlend und leicht zwinkernd streckt Nathalie Romatet uns die Hand zur Begrüßung entgegen. In schlichter Chino und hellem Cardigan, die Haare leicht zerzaust, könnte sie ebenso gut die Ticketverkäuferin sein, die den Eintritt in den Garten von Château Miromesnil kassiert. Unprätenziös, zupackend und zielstrebig ist sie. Und bemerkenswert bodenständig, geerdet im wahrsten Sinne des Wortes.  „Als mein Mann einen schweren Unfall hatte, ist uns bewusst geworden, wie kurz das Leben ist. Deshalb haben wir beschlossen, unseres zu ändern“, erzählt die Französin. Das war 2004. Seitdem sind sie und ihre Familie hier, im Schloss ihrer Großeltern Bertrand und Simone de Vogüé in der Nähe von Dieppe. Und obwohl die Mutter von drei Kindern sagt, sie hätteAhnung von der Gartenarbeit, hat sie es geschafft, einen der schönsten Gärten der Normandie wieder zu beleben.

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Völlig verwahrlost war er, als Simone de Vogüé 1945 anfing, ihn zu bewirtschaften. Nach Plänen aus dem 18. Jahrhundert legte sie auf 2500 Quadratmetern einen traditionellen „jardin potager“ an, einen französischen Gemüsegarten, wie er erstmals vor rund 300 Jahren von Jean-Baptiste de la Quintinie, dem Hofgärtner Ludwigs XIV. in Versailles für den Sonnenkönig geschaffen wurde. Das Besondere an diesem „Küchengarten“: Die Beete mit den klassischen Gemüsesorten und Küchenkräutern werden von bunt-blühenden Blumenstauden und üppigen Rosenstöcken eingerahmt, von Beerensträuchern und Buchsbäumen mit Formschnitt gesäumt. „Le Bon et le Beau“, das Gute und das Schöne in trauter Eintracht nebeneinander. Hohe Backsteinmauern mit zahlreichen Spalierobstbäumen, Wein- und Clematisranken umgeben in Miromesnil dieses Kleinod der Gartenkunst, schützen es vor dem Wind, der oft kräftig vom Atlantik herüber bläst. Hinter den Mauern erstreckt sich der weitläufige Park des Barockschlosses, in dem 1850 – eher zufällig – der Schriftsteller Guy de Maupassant geboren wurde. Hier zaubern die kurz gemähten Wege eines Rasenparterres schnurgerade geometrische Muster bis unter die ausladenden Äste einer riesigen Libanon-Zeder.

Kohl und Salat, Mangold und Spinat, Zucchini, Zwiebeln und Kartoffeln – heute schenken die vier durch Rasenwege getrennten Karrees des Gemüsegartens wieder so üppige Ernten wie früher. Klassische, zum Teil alte und robuste Gemüsesorten kombiniert mit zahlreichen Kräutern und traditionellen Bauerngartenstauden wie Rittersporn, Sonnenhut und Pfingstrosen. Gaumenfreude und Augenschmaus zugleich. Ein Erlebnis für alle Sinne.

 

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Nathalie Romatet hat ganze Arbeit geleistet. Unterstützt wird sie dabei von ihrem
Chefgärtner Jérôme Buisson und weiteren fleißigen Helfern. Sie wissen genau, was in
welcher Pflanzengesellschaft am besten wächst, beraten die Chefin, wenn sie etwas Neues ausprobieren möchte. Mehrere tausend Besucher kommen inzwischen jedes Jahr, um zwischen den Beeten zu wandeln und die Gartenkunst zu genießen, einige auch, um eine kleine Anregung für den eigenen Garten mit nach Hause zu nehmen. Auf dem Ruf, den sie 
sich mit Miromesnil erworben hat, ausruhen kann sich die Schlossherrin jedoch nicht. Ein 200-Hektar-Anwesen mit Forst- und Landwirtschaft hat einen hohen Finanzbedarf.

„Ich liebe mein Leben“, sagt Nathalie Romatet, „aber wenn jemand nicht wirklich Lust dazu hat und leidenschaftlich bei der Sache ist, sollte man sich eine solche Aufgabe nicht aufladen.“ Doch wer die dynamische Unternehmerin erlebt, zweifelt keinen Augenblick daran, dass sie es gern getan hat. Ein Blick in ihre leuchtenden Augen genügt, um zu wissen, dass sie hier am richtigen Platz ist. „Ich freue mich auf die nächsten Ferien“, sagt sie, mit ihrem dicken Schlüsselbund in der Hand schon wieder auf dem Sprung zu etwas, um das sie sich kümmern muss. „Eine Zeitlang einfach mal nichts tun. Aber anders leben möchte ich nicht mehr. Ich liebe dieses Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Wir haben hier unser Glück gefunden.“

 

„Wenn Du für eine Stunde glücklich sein willst, betrinke Dich.
Wenn Du drei Tage glücklich sein willst, dann heirate.
Wenn Du aber für immer glücklich sein willst, werde Gärtner.“

Altes chinesisches Sprichwort

 

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Infos: Château de Miromesnil, Tourville-sur-Arques, www.chateaumiromesnil.com. Schloss und Garten können besichtigt werden. Wer übernachten möchte, ist in den Gästezimmern oder im Ferienhaus willkommen. Besonders reizvoll: das Chambre centrale genau in der Mitte des Schlosses, die Blickachsen des Parks scheinen hindurch zu gehen.
Infos zu anderen Gemüsegärten in Frankreich unter: www.potagers-de-france.com

 

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